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Flechtengelb und Meersalzblau: Verloren in Nordwales

April 6, 2016

Ich kann Dich in der Luft spüren und auf meiner Haut. Ich kann dich in meinem Blut spüren, das sanfter als sonst durch meine Adern rauscht. Du nimmst mich bei der Hand mit sanfter Rohheit und ziehst mich zu deinen flechtengelben Berghängen und groben Stränden. Nordwales, deine Anwesenheit lässt uns still werden. Als ich mit einem guten Freund auf deinen Straßen fahre, hören wir auf zu plaudern. Für einen Moment hören wir auf uns auf den neuesten Stand unserer Leben zu bringen – wir haben uns lange nicht gesehen- und fühlen den Moment mit Dir. Wir lauschen, wie das Auto auf sich windenden Bergstraßen rauscht und wie die Brise durch das Fenster zischt. Die untergehende Sonne färbt die Welt golden: Die Berge, die Wolken, die Luft. Staubgolden auf schneebedeckten Berggipfeln und auf freundlichen Narzissen am Straßenrand, als Gabe den Motor ausschaltet um zu sehen wie weit die hügelige, abfallende Straße uns trägt. Unser Lachen füllt das ganze Auto. Die Fahrt heute war ein heller Augenblick unserer Freundschaft und ein Heimkommen an einen Ort, in den ich mich verliebt habe. Als wir auf einer Anhöhe halten um die organgeglühende Sonne über Anglesey zu sehen ist mein Gesicht, mein Herz, mein ganzes Sein ein seliges Lächeln.

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Nordwales, ich bin gekommen um wieder von deinen weisen und starken Bergen erstaunt zu werden. Weise, nie gescheit. Stark, nie aufdringlich. Ich bin gekommen um eine Auszeit von einem mit Verantwortung, Chancen und anstehenden Entscheidungen gefüllten Leben zu nehmen. Ich bin gekommen um deinen Regen meine Sorgen wieder wegwaschen zu lassen, um deine Winde meine Zweifel fortzutreiben. Ich bin nicht gekommen, um Antworten zu finden- ich ahne längst, dass du damit sehr zurückhaltend bist. Aber ich weiß, dass du mir hilfst, die richtigen Fragen zu stellen. Ich bin gekommen um Berge zu besteigen und auf die Dinge von der Ferne zu sehen. Um am Strand in zu kalten Frühlingsnächten zu zelten.

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„Let’s hike a mountain, cause that’s what we do“. Yr Eifl, Wales 2016

Nordwales, ich bin für das Zuhause gekommen, das du unserer Freundschaft zeitweise gibst. Gabe und ich besteigen wieder Berge, stehen in den Wolken und im Seelenfrieden. Umgeben vom Himmel und seinen Winden, die über die Grat brechen, beobachten wir zwei alte Wanderer, die vorsichtige Schritte auf den Pfad setzen und mit strahlenden Augen zum Gipfel blicken. Wir lachen, als wir uns in ihnen erkennen und versprechen genau hierher eines Tages zurückzukehren. Wir fragen uns, wo das Leben uns bis dahin wohl getragen hat. 

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Gipfelbezwinger. Yr Eifl, Wales 2016

Erwartungen und zahlreiche, zumeist gute Zukunftsoptionen nehmen uns manchmal den Atem. Wir suchen das Unbekannte und das Abenteuerliche in einer Gesellschaft, die genau dieses verhindern will, die alles Unvorhersehbare vermeiden will. Es heißt, dass wir doch einen Plan brauchen. Uns wird vorgegaukelt, dass alles kalkulierbar sei, jahrelang waren wir zielorientiert.  Was, wenn der Weg das Ziel ist? Obwohl wir spüren, dass wir das schon richtig so machen, indem wir das Leben erst einmal auf uns zukommen lassen, merken wir auch, dass es ein wenig beängstigend ist, keinen Plan zu haben in einer scheinbar so planbaren Welt. Es braucht irgendwie Mut, zu sagen: „Nein, ich weiß eigentlich noch nicht, wohin ich gehe.“ Es ist Frühling. Mit Knospen an Zweigen und Blüten an Bäumen erzählst du, Nordwales, dass alles gut bleibt. Du bist und du veränderst dich und lässt mich wissen, dass auch ich mich verändern werde, immer wieder, neu werdend und doch irgendwie die Alte bleibend. Du lässt mich verstehen, dass es nur eins gibt, das noch beängstigender ist, als nicht zu wissen, wo es lang geht: Tatsächlich einen Plan zu haben nämlich und ewig auf festgelegten Wegen bleiben zu wollen.

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Criccieth, Wales 2016

Später sitzen wir am Strand. Denn das geht bei dir, Nordwales: Morgens Berge besteigen und nachmittags vom Strand auf sie zurückschauen. Das Meer schickt Wellen an die Küste und wir lassen Kiesel auf dem Wasser tanzen. Wir balancieren auf der Kaimauer, hüpfen und tanzen. Wir blinzeln gegen die Sonne und beobachten das Meer, das nie müde wird, sich den Strand hochzuschieben. Ich schließe meine Augen und lausche den Möven, den Wellen und Gabes Schritten auf den Kieseln. Die Luft ist kalt, aber wen stört das? Mein Atem ist längst eins mit dem Rhythmus der Wellen. Nordwales, du hast einen unwirklichen Frieden. As ob kein Übel der Welt an deine Küsten gelangen könnte, als ob die Zeit still stünde in dir. Wir stapeln seelenruhig Steine am Strand, schlagen Räder. Balancieren das Gewicht der Kiesel gegen den Wind und das Gewicht unserer Seelen gegen die Welt. Schüchtern zunächst, selbstsicher zum Schluss. Nordwales, zu zeigst mir das Gleichgewicht aus Werden und Sein. Du lässt mich ruhig werden, stärker und demütig zugleich. Die Sonne geht wieder unter, mein Schatten wird länger, unsere Stimmen sanfter. Gabes Füße werden nass als er der Irischen See und ihrer schäumenden Gischt zu nahe kommt.

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Strandjunge. Criccieth, Wales 2016

Ich beobachte meinen Kumpel beim Klettern an den Felsen, leichtsinnig, zu waghalsig, barfuß. Sein Schatten tanzt auf den hellen Nuancen der Klippe, über ihm Möven und leichte Wolken, unter ihm Kiesel und das Meer, irgendwo. Nordwales, du bist Friede und du bist Glückseligkeit. Du bist all das, was die ganze Zeit schon in mir war und sich jetzt wieder an den Tag traut. Du lässt mich Enthusiast sein. Du lässt mich tausend Fragen stellen und in deine Winde rufen. 

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Da drüben Snowdonia. Bangor, Wales 2016

Wir fahren auf gewundenen Bergstraßen und fragen uns, wo es lang gehen wird – was ist richtig, was ist falsch? Und wer wird es uns sagen? Nordwales, wir sind verloren. Wir sind verloren in dir, wir sind verloren im Leben. Wir sind verloren in unseren Zwanzigern- welch mächtige, unheimliche, wunderschöne Zeit: So viele offene Straßen liegen vor uns und in uns nur der verzweifelte Wunsch nach Friede und Erfüllung. Wir jonglieren mit Lebensentwürfen. Ideen und Träume tanzen in unseren Köpfen wie die Kiesel auf dem Wasser.

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In der Ferne Anglesey. Yr Eifl, Wales 2016

Nordwales, du bist mein Ende der Welt. Der beste Ort um zu viel über das Leben zu grübeln und ihm gleichzeitig zu entkommen. Als du deine Schauer schickst, werden die Regentropen auf dem Dach zum Soundtrack unseres Morgens. Eingekuschelt in weiche, bunte Decken sind unsere Herzen heute schwer und leicht zugleich. Es sind die gleichen große Fragen und die gleichen großen Themen, die bewegen und lähmen. In diesen Tagen finde ich keine Antworten, und das macht nichts. Es ist Frühling, und du sagst mir immer wieder dass alles möglich ist. Dass ich für den Wandel gemacht wurde und für das Unvorhersehbare, genau wie du im Jahreslauf. Dass es vielleicht kein Falsch gibt, nur Genau Richtig, wenn ich es mit der sanften Dankbarkeit und Liebe betrachte, die du mir in diesen Tagen gelehrt hast. 

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