Abenteuer, draußen unterwegs, Europa, Gemeinschaft

In meinem Herz ein Universum. Urlaub in Cornwall

April 19, 2016

Es ist Ende März und wir baden im Meer vor Falmouth, ganz kurz nur, denn das Wasser ist kalt. Aber wir wollen es spüren, es sieht so verlockend aus! Wir sind heute Mittag mit wehenden Kleidern, zerrissenen Jeans und bunten Wollmützen losgezogen. Über Felsen geklettert, gibt es etwas Schöneres? Gerade gebrochene Schieferfelsen unter uns, eigenartige Linien und Muster, frei und verlässlich.

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Das Meer ist blau wie in einem Urlaubskatalog. Wir ziehen unsere Kleider aus und laufen hinunter zum Wasser in Bikinis, die wir lange nicht getragen haben, unrasierte Winterbeine schüchtern in Märzbrisen. Nur wenige Bäume haben Knospen und unsere Fußsohlen schmerzen auf den Steinen und im kalten Wasser, das in winzigen Wellen am Kiesstrand landet. Zum Trocknen sitzen wir dann zwischen Treibholz und Seetang in der Sonne, träumen unsere Gedanken in die Welt und lauschen den Wellen, den Möwen und dem zaghaften Frühling. Wir reden, zeichnen, schreiben. Alles ist ein Lied.

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Alles ist ein Lied, selbst die kräftigen Regenschauer und die Böen, die uns am nächsten Tag fast vom Fahrrad pusten. Wir fahren die hügeligen Straßen Cornwalls entlang, auf und ab, vorbei an Feldern voller Osterglocken. Es geht sausend bergab und dann wieder steil bergauf und gerade als ich anfange zu denken, dass ich es bald nicht mehr lange aushalte, wird die Straße wieder flacher. Der heftige Regen trifft uns ohne Vorwarnung von der Seite. Durchnässt und entkräftet lausche ich, was das mit mir macht. Ich vergebe dem Wetter schnell, als die Sonne dann wieder herauskommt und alles in kräftiges Licht taucht. Da ruft Anna plötzlich: „Ein Regenbogen!“, und wir beobachten jubelnd, wie er sich über dem Meer zu einem vollen schillernden Halbkreis schließt.

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Girl in the sun. Photo credit: G.G.

Es sind abenteuerliche Tage in Cornwall. Wir erkunden felsige Strände, laufen in Höhlen und retten winzige Fische vor dem Vertrocknen. Und wir tanzen, oh, wie wir tanzen! In einem Pub spielen sie Countrymusik, Geigenklänge und Akkordeontöne mischen sich unter das Stimmengewirr und das Klirren der Gläser, unter das Lachen, das Stampfen der Tanzschritte auf dem bebenden Holzfußboden. Wir tanzen an den Händen haltend wirbelnd durch den Raum, Ringelreihen und Polkaschritte, Walzertanz, Hacke, Spitze und immer wieder drehen, drehen, drehen. Wir sind die Musik. Wir sind das Lachen, das unseren Herzen entspringt.

Der süße Apfelgeschmack des Ciders, das ungezwungene Tanzen mit aufgeschlagenen Knien vom Strandtag und das gelöste Lachen vermitteln ein wenig den Eindruck eines Kindergeburtstages. Wir sind wilde Kinder und starke Frauen zugleich, vor Freude durch das chaotische Leben wirbelnd. Uns am leuchtenden Grün der Algen erfreuen, am Klang unserer Stimmen in Strandhöhlen und am Gefühl des eisigen Atlantikwassers an unseren Füßen (dabei fühlen wir uns wie Huckleberry Finn und Tom Sawyer), und als wir spät am Abend heimkommen und die Luft erfüllt ist von lakritzigem Zigarettenqualm und Teedampf, reden wir und reden ohne müde zu werden.

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Exploring beaches. England 2016

 Wir tun, was uns gefällt, entdecken und erforschen den ganzen Tag, sprudeln vor Energie und Neugier. Wir wachsen und breiten uns aus, wir trauen uns Raum einzunehmen, zu werden und zu sein. Zwischendurch werden wir dann angenehm still und achtsam, die Umgebung hier erfüllt mich mit einer tiefen Ruhe. In der langsamen, genügsamen Welt Cornwalls höre ich die Kleinigkeiten wieder lauter, spüre ich mich selbst wieder deutlicher.

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Diese Freundinnen hier tun mir gut, weil sie sich gegenseitig so viel sein lassen. Wir schweben auf einer Wolke der Anerkennung, Liebe und Unterstützung, auf einer liebevollen Kraft. Ich fühle mich merkwürdig okay unter ihnen, auf eine wunderbare Weise angenommen. Hier, an felsigen Küsten, durch den Regen radfahrend und mit den Mädchen philosophierend, spüren wir, wer wir wirklich sind: Die ausgelassenen Kinder und die zähen, feinfühligen Frauen. Winzige Teile des ewig weiten Universums und doch: Das ganze Universum in uns tragend. Ein Tropfen im Ozean und doch: Der ganze Ozean in einem Tropfen (Rumi). 

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