Afrika, Gemeinschaft, Stadtkind

Eine neue Blume – Leben in Addis Abeba

August 30, 2016

Es ist kurz nach sechs Uhr abends, als wir heimgehen durch die Straßen Addis Abebas, auf einem Gehweg in schlechtem Zustand und entlang der großen, lauten Straße. Die Sonne geht beinahe unter, und zu dieser Zeit hat die Stadt einen besonderen Frieden, eine besondere Ruhe. Minibusse rauschen auf der Straße, Schaffner werben rufend Passagiere an. Arat kilo, Siddist kilo, Megenena, Kazanchis, Mesqel, rufen sie – Orte, die uns nur teilweise etwas sagen. Wir wohnen seit zwei Wochen hier in Addis, in einem kleinen, türkis gestrichenen WG-Haus halb auf dem Berg.

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Addis ist einfach und facettenreich, schmutzig und trotzig. Addis‘ Schönheit versteckt sich in seinen tausend Gesichtern, manchmal schüchtern hinter halb durchsichtigen, weiß-bunten Schals verborgen. Addis hat unzählige Gesichter und unzählige neue Gerüche – frischer Kaffee, Weihrauch, Regen auf Asphalt und Regen auf Matsch, Abgase, Latrinen, frisch gebackene Sambusas – und doch immer den einen gleichen, unbeschreiblichen Addis-Geruch aus dünner Bergluft. Addis ist eine Stadt aus tausend Hügeln, in den höchsten hängen oft graue Wolken. Unübersichtlich reihen sich Wellblechhütten an ummauerte Steinhäuser auf vielbefahrenen Straßen und unbefestigten Wegen, immer uneben, immer bergauf und wieder bergab. Vergessen und leblos ragen mehrstöckige Rohbauten wie Skelette aus der grün-grauen Stadt hervor, daran Holzgerüste mit vom Wetter abgewetzten Stoffbahnen. Auf dem Gehweg Staub – oder Matsch bei Regen, der jetzt viel fällt und den Fluss schnell füllt und Straßen binnen Minuten in rauschende Bäche verwandelt: Die Menschen gehen dann unmerklich schneller, spannen Regenschirme auf oder suchen Unterschlupf unter einem Dach oder in einer Hütte, wo Kaffee serviert wird, und Mancher setzt sich einfach eine Plastiktüte auf den Kopf und trotzt dem Regen.

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Heute Abend aber ist der Himmel hellblau und klar, orange in der Ferne schon. Es hat sich heute Mittag schon ausgeregnet. Auf den Straßen dieser Staub, Matsch, Müll auch, der Schädelknochen eines Esels, Kuhknochen mit Fleischresten, an denen einer der vielen zahmen Straßenhunde kaut. Geschützt durch ein klappriges Metallgestell eine Pflanze, die aus dem Beton kriecht und ganz unerwartet pinke, schöne Blüten schenkt.Wir begegnen Addis mit seinen tausend Gesichtern: Stolze Frauen mit gerader Haltung und elegantem Gang, äthiopisch-orthodoxe Schals tragend; coole Jungs mit ostafrikanischem Hiphop-Style; spielende Kinder, Priester, Bettler und Kranke, Versehrte und Betrunkene immer wieder hier und da in der Menge. Am Gehweg sitzen Schuhputzer – shoeshine boys – auf Schemeln und mit Lappen und Fetten, und putzen die Schuhe sauber für ein paar Birr. Die Schuhe hier sind das einzige, was glänzt auf den Straßen von Addis. In den kleinen Shops gibt es Gewürze, Brot, Obst, Gemüse und Seifen zu kaufen. Ein Möbelgeschäft hat die Sofas halb auf dem Gehweg stehen, und schnell wird alles abgedeckt und hinein geschleppt, wenn es anfängt zu regnen. Daneben ein Fiseursalon, der auf einem Poster verschiedene Haarstyles vorschlägt: Rastas, Dauerwelle, und ein Hipster-Manbun mit Vollbart. Wer den wohl hier trägt? Daneben ein kleiner Laden, der bunte Schals und Tücher verkauft, daneben Motoröl, daneben Kindersärge. Orangen, Avocados, Tomaten, Bananen. Außerhalb der Fastentage haben auch die Fleischläden geöffnet: Dann hängen dunkelrote Schafshälften hinter dem Tresen und Verkäufer legen große Stücke frischen Fleischs auf die Waage. Vor diesen Läden stehen nach längerem Fasten die Menschen in langen, respektvollen Schlangen und die Autos und Minibusse, die mit dunkel qualmenden Auspuffen vorbeifahren, hupen zur Warnung. Der Straßenverkehr ist ein geordnetes Chaos. Niemand rast, niemand schimpft. Wer kann, nimmt die Vorfahrt, aber niemand beharrt darauf. Wir gehen diesen Weg jeden Tag, hin und zurück – staubige Gehwege, zarte Blumen, Tierknochen – entlang der großen Straße, die viele inoffizielle Namen trägt und abends die Menschen in einem Schwall aus Minibussen, Taxen und Pick-ups wieder aus dem Stadtzentrum schwemmt.

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Sonntägliches Fußballspiel im Hof

Jetzt zieht es die Menschen eine breite, leere Nebenstraße den Berg hinauf zur St. Mikael Church, der Gesang ruft sie, andächtig bewegen sie sich den Hang hinauf, bleiben zwischendurch betend stehen. Händler haben ihre Ware auf Decken ausgebreitet: Holzkreuze, Heiligenbildchen und Schals. Frauen garen Mais auf kleinen, runden Holzkohlegrills. Der Gesang erfüllt die verschmutzte, kühler werdende Stadtluft. Einige Schafe werden leise zur Kirche hinauf getrieben; es ist ihr letzter Gang. Für einen Moment steht die Zeit beinahe still im ruhig pulsierenden Addis – Bald wird es dunkel sein und kalt.

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Feierabendbier mit unserer Mitbewohnerin Geraldine

Wir sitzen dann nach Feierabend manchmal in einer „Bar“, oder einem „Restaurant“- einer Hütte oder einem kleinen Haus jedenfalls, wo Plastikhocker um klapprige Tische stehen, Gräser zur Feier des nahenden Neujahrs auf dem Boden verteilt sind und es nach Weihrauch und Kaffee riecht. Dann trinken wir äthiopisches Bier und essen Injera Bayenetu – einen sauren Pfannkuchen mit würzigen Gemüsesoßen- und hoffen, dass wir mit jedem Schluck Tej, jedem Bissen des paprikascharfen Essens und jedem Atemzug schmutziger, dünner Addis-Luft uns noch ein bisschen weiter einfügen in das, was uns umgibt und in das wir manchmal so augenscheinlich wenig passen. Wenn wir müde des Ausprobierens und Erlebens sind, essen wir gemeinsam im Wohnzimmer Brot mit Avocado, Pasta oder Sambusas und Orangen. Trinken vielleicht noch einen Kaffee mit Salome, die sich hier um das Haus kümmert. Sie röstet dann die Bohnen, kocht sie mehrmals auf, nutzt die glühende Kohle des Kaffeeofens, um Räucherstäbchen zu entzünden. Sie taucht ein Gewürz in die randvolle Tasse Kaffee und gibt etwas Zucker dazu. Das Tässchen schwappt über, nichts gibt es hier in Addis im Überfluss als scheinbar den Kaffee. Salome fächert den Ofen weiter an. Ihr Sohn und ihre Nichte üben dann kichernd amharisch mit uns, und wir teilen den Bananenkuchen, der uns auf dem Feuer immer besser gelingt.

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Martin und K’ondscho

Wir schlafen dann früh ein, denn es wird früh dunkel und früh wieder hell hier, und noch früher beginnt das Gebet der St. Mikael Church, das durch Lautsprecher verstärkt zu uns hinüberschallt und uns sanft weckt. Ein neuer Tag in Addis beginnt mit tausend Gerüchen und tausend Geräuschen. Tausend Gesichter, von denen wir zwei vielleicht langsam auch welche werden.

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