Afrika, Kultur, Leben

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“- zum Äthiopischen Neujahr

September 18, 2016

Irgendetwas ist anders, das merken wir gleich an diesem Wochenende im September. Die Menschen machen sich schick, die Stadt ist nicht ganz so staubig wie sonst. Die golden bestickten Borten der weißen Habshakleider glitzern in der Sonne, einige trinken Kaffee, viele bringen die Einkäufe vom Markt heim: Hühner werden kopfüber, im Takt der Schritte baumelnd durch die Straßen getragen oder auf Fahrradgepäckträger gebunden. Ziegen und Schafe werden geschultert oder mit zusammengebundenen Beinen auf Minibussen verstaut oder hineingequetscht. Die Frauen tragen frisch geflochtene Frisuren und die Schuhputzer haben viel zu tun. Vorfreude liegt in der Luft und eine angenehme Anspannung. Äthiopien macht sich schick, denn dies ist der letzte Tag des alten Jahres und morgen ist Enkutatasch, der erste Tag des Neuen Jahres, und alles ist möglich.

Ein Huhn zum Feste, oder auch zwei. Addis Ababa, Ethiopia 2016

Ein Huhn zum Feste, oder auch zwei. Addis Ababa, Ethiopia 2016

Und auch wir feiern mit, wir feiern was hinter uns liegt und was uns erwartet. Vor allem aber feiern wir, dass wir hier sind und dass alles neu ist. An einen anderen Ort, gar in ein anderes Land zu ziehen ist immer ein großer Neuanfang. Aber mit den Traditionen zum äthiopischen Neujahr haben wir plötzlich Gelegenheit, diesen Neuanfang hier in Addis Abeba auch richtig zu feiern. Ein Neuanfang birgt den Zauber, dass es sich in alle Richtungen entwickeln kann. Das spüren wir hier ganz stark, denn plötzlich liegen wieder unzählige frische Pfade vor uns. Neu zu starten bedeutet für uns nicht, alles Alte über Bord zu werden, sondern offen zu sein für Neues. Nur so können wir glücklich bestehen in einer Stadt, in der es kaum bekanntes Essen gibt, regelmäßig der Strom ausfällt, der inoffizielle Minibusfahrplan erst einmal verstanden werden muss und unsere Wäsche auf der Leine, die quer durch den Hof gespannt ist, entweder durch den starken Regen ganz durchnässt wird oder durch unsere Nachbarn, die scheinbar Fleisch räuchern, völlig eingequalmt wird. Jetzt ist der Hof aber frisch gefegt und leer, und an der Bank pickt, angeleint mit Stofffetzen, ein Huhn, dass zum Fest noch vor Sonnenuntergang geschlachtet wird.

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Am Neujahrsmorgen werden wir dann von Kanonenschlägen geweckt, die den Feiertag ankündigen. Wir frühstücken alle gemeinsam Doro Wot, Hühnchen in scharfer Zwiebel-Tomaten-Soße mit Injera, dazu Honigwein und Anisschnaps. Später gibt es Kaffee und Popcorn, und Weihrauchschwaden hüllen das halbdunkle Wohnzimmer ein. Das Kätzchen K’ondscho kuschelt sich bei uns zusammen und im Fernsehen laufen äthiopische Musikvideos: Tänzer in traditioneller Kleidung tanzen verschiedene Stammestänze auf grünen Feldern und Bergen.

Kaffee, Popcorn, Etio-Pop. Addis Ababa, Ethiopia 2016

Kaffee, Popcorn, Etio-Pop. Addis Ababa, Ethiopia 2016

Dann spazieren wir durch die Nachbarschaft – der erste Tag des Jahres ist ein sonniger. Nicht viele Menschen sind unterwegs auf den Straßen, an deren Rand sich Tierfelle stapeln. Leer und nass liegen sie auf großen Haufen beieinander und zeugen vom reichhaltigen Festtagsmahl.

Der Rest vom Fest. Addis Ababa, Ethiopia 2016

Der Rest vom Fest. Addis Ababa, Ethiopia 2016

Aus den Höfen und Häusern klingt Trommelmusik und Gesang, Kinder spielen lachend auf der Straße. Heute wirkt Addis ganz besonders entspannt und unbeschwert und es ist leicht zu vergessen, dass in so vielen Städten des Landes ein Bürgerkrieg schwelt, dass so viele Äthiopier mehr denn je einen Wandel und Neuanfang herbeisehnen und bereit sind, dafür im Kugelhagel des Militärs zu fallen oder im Gefängnis geschunden zu werden. Es ist leicht, das in Addis zu vergessen, denn die Sonne scheint und die Menschen singen, als sei eine Revolution geglückt oder gar nicht nötig. Dann aber erhält unsere Freundin einen Anruf, dass ihr Bruder festgenommen worden sei, und plötzlich wiegt die Sorge schwer, das fröhliche Sonnenlicht wirkt wie Hohn und der Zauber des neuen Jahres wie ein Fluch. Was das neue Jahr bringt, für Äthiopien, für sie, für uns, wissen wir nicht. Wir feiern trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, denn noch immer kann es sich in alle Richtungen entfalten. Es fühlt sich gut an, hier zu sein, es fühlt sich gut an, es immer wieder mit neuen Augen zu sehen und all dem die Chance zu geben, sich breit zu machen in unseren Herzen.

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Nachbarskinder, schick gemacht. Addis Ababa, Ethiopia 2016

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