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Hunde und Hyänen

September 30, 2016

Wir sehen hier in Addis, dass es immer beides gibt: Schatten und Licht, Regen und Sonnenschein und Leben und Tod. Dass alles ein ewiger Kreis ist, das ist in Addis manchmal jedoch schwer zu begreifen, denn oft auch sehen wir Leid und Dreck, ohne dass es darauf eine fröhliche Antwort gäbe. Hier wirkt wenig wie der gesunde Kreislauf des Lebens. Da ist dieser braune Fluss inmitten der Stadt, der nach jedem Regen laut rauscht und Gott weiß was mit sich schwemmt, und da ist ein Mann, der auf der Brücke steht und Lackfarbreste in die Büsche am Ufer kippt. Die Farbe kleckst auf die Blätter und den Bürgersteig und tropft träge ins Wasser. Ich stehe da und traue meinen Augen nicht, als die weißschimmernden Kleckse schwerfällig durch die Luft geschleudert werden. Ich stehe da und begreife nicht, was gerade passiert, aber ich verstehe, dass zwischen meinen Vorstellungen und den Bedürfnissen dieses Mannes eine Schlucht ist noch tiefer als dieser Fluss, und dass ich nichts verstehe von den Nöten und Alltäglichkeiten in dieser Stadt. Weiter noch, dass ich mir nicht anmaßen kann, meine Meinung, die mir in dem Moment doch so offensichtlich und eindeutig richtig vorkommt, auf Umstände zu übertragen, die ich nicht kenne.

Im Hintergrund sehe ich diese grünen, üppigen Wälder mitten in der Stadt, von denen ich nicht weiß, wie sie bestehen können; die Wellblechhütten und die skelettartigen Rohbauten, in denen wir nie jemanden arbeiten sehen. Addis ist eine Stadt ohne öffentliche Mülleimer; Plastiktüten kleben in Straßenrinnen. Addis ist unfertig und dennoch scheinbar ziellos. Es fehlt an vielem, aber ich weiß, dass ich die Lösungen nicht kenne. Die halbherzigen Bemühungen wirken hoffnungslos: Jeden Morgen reinigt ein Trupp Straßenkehrer die Stadt, fegt den Staub zusammen mit Reisigbesen und Handfegern und bringt den Müll dann zu einer Müllkippe, die tagelang nicht aufgeräumt wird. Am Rand dieser Müllkippe liegen drei Hunde steif und leblos in der Sonne- selbst die Geier, die über der Kippe kreisen, ignorieren sie. Am dritten Tag fällt den Tieren das Fell durch die Rippen und am fünften Tag spült der Regen eine welpenfarbene Brühe auf die Straße. Das Leben in Addis ist hart, nicht nur für die Straßenhunde, die unseren Müll fressen und sich vergiften oder sich nachts mit den Hyänen bittere Kämpfe leisten.

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Der braune Fluss

Wir laufen über die Brücke, an der Farbreste den Fluss verseuchen, und vorbei an der Müllkippe, die schon auf den holprigen Gehweg wächst und wo wir auf die Straße ausweichen müssen. Addis ist eine Stadt mit wackeligen, unebnen Bürgersteigen. Oft sind dort gerillte Steine als Blindenleitsystem eingelassen- ein müder, lächerlicher Schein, denn nicht selten enden diese gerillten Wege in Straßengräben oder Löchern, die metertief die dürftige Kanalisation offenbaren. Höhnisch liegen die gelben Rillen entlang der Straße, sie enden vor mit Wellblech umrahmten Blumenbeeten oder vor Schutthaufen mitten auf dem Gehweg. Addis, das wird uns klar, ist eine Stadt, die leidet, und Teil eines Landes, das leidet: Unter den halbherzigen oder falschen Bemühungen der Machthaber, unter Plastikmüll und fehlenden Perspektiven. Unter scheinbar gut gemeinter Entwicklungshilfe, die oft nicht dort ankommt, wo sie Sinn hätte.

Addis wird für mich zum Abbild einer aus dem Gleichgewicht geratenen Welt, in der zu oft unsinnige und egoistische Entscheidungen getroffen werden. Addis zeigt, wie auch viele andere Orte auf der Welt, was wir einfach nicht sehen wollen. Mit einem Durchschnittseinkommen von 20 Dollar im Monat gehören die Äthiopier zu den ärmsten Menschen der Welt. Wer sich für einige Birr eine Mauer, sei es aus Wellblech, leisten kann, baut sie – gegen die Straßenhunde, gegen die Hyänen, gegen den Dreck. Reichtum ist eine Mauer. Wohlstand ist nicht nur das Auto oder der schöne Garten, teurer Schmuck oder feines Essen. Wohlstand ist, die Folgen des eigenen Handelns nicht sehen zu müssen.

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Eine Wohnsiedlung in der Nachbarschaft unserer Schule in Addis, abseits einer Hauptstraße.

Ich frage mich, warum mich das nicht müde macht, warum Addis mich nicht völlig hoffnungslos werden lässt angesichts der giftigen Lackkleckse am Flussufer, der klapperigen Wellblechhütten und der stinkenden Autos, angesichts der Leprakranken, die auf die Almosen der Passanten angewiesen sind. Vielleicht, weil ich all das längst geahnt habe- hier sind die Folgen dessen, was schief läuft, eben vielleicht einfach nur viel offensichtlicher. Addis badet aus, was andere schief laufen lassen. Vielleicht lässt es mich auch deshalb nicht unglücklich werden, weil das Leben trotzdem so oft wie Zucker schmeckt, oder vielleicht deshalb, weil inmitten dieses manchmal so hoffnungslosen Chaos‘ so viele beeindruckend bescheidene, tapfere Menschen sind. Sie lächeln, als könne eine winzig kleine, schöne Sache all das wieder gut machen für den Moment. Sie sind zunächst zurückhaltend – und behandeln uns nach wenigen Augenblicken wie Familie.

In der Nacht weckt mich das Kläffen der Hunde, die schon die Hyänen riechen, die in der Dunkelheit aus den Bergen in die Straßen unserer Nachbarschaft kommen. Die heulen dann auch bald los und das Kläffen der Hunde wird zum Schreien und Fauchen und lauten Zähnefletschen. Addis ist roh und manchmal erschreckend brutal- die Sonne verbrennt uns und der Regen durchweicht uns- und es wäre keine schöne Stadt, wären hier nicht die Menschen, mit denen wir leben. Der Mond ist das Hellste in Addis‘ Nächten, und noch lange bevor die Kämpfe der Tiere beendet sind und die Hyänen in die Berge zurückkehren schlafe ich wieder ein.

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Auf dem Shola Markt

Am nächsten Tag laufen laufen wir über den matschigen Markt nach Hause, bepackt mit Gemüse, Holzkohle und einem Hahn. Salam nimmt meine Hand, als sie mit ihren Sandalen über den Steinen in der Schlammpfütze balanciert. Zu Hause schlachtet Salome den Hahn im Wohnzimmer und Fikir kickt unbeeindruckt einen eingedöllten Fußball über den Hof. Später schaltet er das Radio auf einem Handy an und tanzt einen traditionellen Tanz, bei dem er viel mit den Schultern und den Augenbrauen zuckt und ein sorgloses, freudiges Lächeln trägt. Er zieht Martin an der Hand, von der wackeligen Holzbank zur Mitte des Hofes, und zeigt ihm die Bewegungen, die Martin ungeniert nachtanzt. Dann brechen wir alle in schallendes Gelächter aus: Salome über der Schüssel mit dem gerupften Hahn, ich mit einem Tässchen Kaffee in der Hand und die Jungs im Hof, und die trotzigste, ehrlichste Antwort auf das Hyänengeheule in der Nacht muss an diesem Nachmittag über ganz Addis klingen.

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Ein Tänzchen im Hof

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1 Comment

  • Reply Sarah Marques de Azevedo September 30, 2016 at 5:45 pm

    Wie immer traumhaft zu lesen

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