Abenteuer, Afrika, Gemeinschaft, Kultur, Leben

Das Lechzen nach Regen

März 28, 2017

Seit einer Stunde sind wir im Auto unterwegs Richtung Norden, im nördlichsten Teil der Nordturkana, dort, wo wir laut offizieller Landkarten schon längst im Südsudan wären.

Um uns herum nur Wüste. Steine, trockene Büsche, Berge, Sand, oder Parar – ewig weites, flaches Nichts- all das ist die Nordturkana. Je weiter wir in den Norden kommen, desto schlechter scheint die Lage zu sein, desto härter scheint die Dürre zu … ich möchte „wüten“, schreiben, aber die Dürre wütet nicht. Sie beharrt. Nagt. Frisst sich in Erdreich und Leben und Himmel. Seit sechs Monaten hat es nicht geregnet, das ist lange, viel zu lange, und doch nicht so lange wie 2011, als es 18 Monate wurden. Die trockene Erde ist längst rissig aufgebrochen. In den Staudämmen für das Regenwasser ist der Wasserspiegel beängstigend flach.

Ständig sehen wir tote Schafe und Ziegen, manchmal Kühe. Eine kleine Schafherde flüchtet über die „Straße“ als wir uns nähern, wir fahren langsamer und bleiben schließlich ganz stehen, sprachlos, als ein dünnes Schaf beim Versuch zu laufen zitternd einknickt und liegen bleibt.

„Unser Vieh stirbt, sieh!“ ruft uns eine Frau zu, hält die Überbleibsel einer Ziege entgegen. „Unser Vieh stirbt, und wir werden die Nächsten sein.“ Die Sonne steht hoch am wolkenlos blauen Himmel. Ziegen saufen am Staudamm und brechen dann sterbend am Ufer zusammen.

Um eine von Klima und Nothilfen unabhängigere Lebensmittelversorgung zu fördern, arbeitet das Projekt „Furrows in the Desert“ seit einigen Jahren mit Einheimischen zusammen und bildet sie zu Landwirten aus. So kann man in dieser Wüste zunehmend kleine Familienfarmen sehen, auf denen – sofern die Wasserversorgung gesichert ist, Obst und Gemüse wie zum Beispiel Mais, Okra, Zwiebeln und Wassermelonen angebaut wird. Regelmäßig besuchen wir auf mehrtägigen Touren die neuen Landwirte auf ihren Farmen in der gesamten Nordturkana. So auch heute.

Wir sind bei Helen, einer junge Frau und Mutter von sechs Kindern, die zusammen mit zwei älteren Frauen eine Farm in der kleinen Siedlung Koyasa bewirtschaftet. Sie hat Glück: Die Windpumpe in ihren Ort liefert ausreichend Wasser von guter Qualität – das ist keine Selbstverständlichkeit, da das Wasser hier in der Nordturkana in der Regel zu salzig und zu alkalisch ist und jetzt während der Dürre viele Wasserquellen trocken sind. Voller Stolz zeigt sie uns ihre Pflanzen: Okra, Zwiebeln und Mungbohnen wachsen problemlos. Sie kann regelmäßig etwas Gemüse an den benachbarten Kindergarten verkaufen.

Anderen Landwirten ergeht es längst nicht so gut. Heuschreckenplagen, ausgetrocknete Wasserlöcher, defekte Pumpen und hungrige Ziegen, die in die Farm eindringen und die Pflanzen fressen sind einige der Schwierigkeiten, die den Bauern begegnen. Die Motivation trotz aller Hindernisse für die Landwirtschaft aufrechtzuerhalten ist kräftezehrend, zumal das Bestellen der Felder für die meisten Turkana, einem nomadischen Hirtenvolk, eine völlig neue und ungewohnte Tätigkeit ist. In Zeiten der Dürre ist es für viele Landwirte wichtiger, mit ihrem Vieh zu möglichen Futterquellen in den Bergen zu ziehen, als die Farm weiter zu betreiben.

Josop, den wir als nächstes besuchen, ist noch da. Zwei Reihen müder Zwiebeln wachsen langsam. „Mam ng’akipi“, kein Wasser, sagt er. Martin klopft gegen den blauen Plastiktank der Bewässerungsanlage- es ist ein heller, hohler Klang. Das wenige Wasser, das die Solarpumpe seines Dorfes pumpt, muss zunächst Menschen und Tiere versorgen, erst wenn etwas übrig bleibt, kann ein bisschen Landwirtschaft betrieben werden. Sechs Monate erst dauert die Dürre an. Was, wenn uns noch weitere 12 bevorstehen?

Farmen ohne Wasser und in so schlechten Zuständen zu sehen frustriert und macht wütend. Ich möchte etwas dagegen tun, jemanden dafür beschuldigen. Was müssen die Farmer, deren Gesundheit, deren Leben und das ihrer Kinder direkt von der Dürre abhängt fühlen? Wo bleibt deren Zorn, deren Wut? „Wenn von 20 Bäumen, die wir aussähen einer überlebt, freuen wir uns über diesen Baum. Und selbst wenn nicht, wir versuchen es einfach nächstes mal wieder. Und wieder. Bis es klappt.“ erklärt mir Peter, ein turkanischer Kollege, ohne Pathos, ohne Stolz, als sei es die einzig natürliche Einstellung. Hier in der Turkana leben, das wird mir klar, heißt nicht aufzugeben. Um hier in der Turkana zu überleben darf man keinen Platz machen für Frustration und Resignation.

Wir fahren weiter auf unbefestigten, ausgefahrenen Straßen durch die Wüste. Manchmal nehmen wir Leute mit, die uns winkend anhalten und dann dankbar auf die Ladefläche klettern. Nur eine Regel: „Maschinengewehre entladen,“ sagt Or dann, mit einem Klacken fallen die Magazine heraus und wir fahren weiter durch die Wüste. Dürren und der Kampf um Grasland und Wasser führen zu bewaffneten Konflikten mit benachbarten Völkern in Äthiopien und dem Südsudan. Zur Zeit ist es friedlich, aber die Hirten sind auf der Hut. Wir fahren weiter, wir fahren so lange, dass wir ganze Alben vom iPod hören können, laut über die Musikanlage des Geländewagens. Der warme Fahrtwind wirbelt durch die geöffneten Fenster. Die Landschaft ist hügeliger geworden und bleibt dennoch monoton, voller Steine, trockener Büsche und Termitenhügel. Uns begegnen Hirten mit ihren kleiner werdenden Viehherden. Kamuja, unser Fahrer, dreht die Lautstärke bei seinem Lieblingslied auf, dessen deutschen Text er nicht versteht. „Glaub‘ mir, es wird regnen, und hört so schnell nicht auf. Ich weiß nur es wird kälter, wann hört das wieder auf?“ singt Rosenstolz. Es ist das paradoxeste und unwirklichste Lied in dieser Umgebung, und dennoch vielleicht das passendste. In der Ferne tauchen einige Manatas auf – Hütten auf traditionelle Weise gebaut. Bald schon erreichen wir das Dörfchen Kopotea.

Auch Mary hat es auf ihrer Farm nicht leicht- die Handpumpe gibt gerade genug Wasser für die Menschen und das Vieh. Sie haushaltet bestmöglich mit dem wenigen Wasser, bewirtschaftet unnachgiebig immerhin einen kleinen Teil ihres Stückchen Lands. Jeden Tag Okra und Spinat für die Kinder. Sie grinsen, zeigen ihre makellos weißen Zähne. „Ejoka?“ Geht’s gut? „Ejok, ejok.“ Gut, gut. „Nye ng’ache?“ Gibt es Probleme? „Mam ng’ache.“ Keine Probleme. Da steht sie, trägt an sich beinah ihren ganzen Besitz: Einen Rock, ein Tuch, viele Halsketten, eine alte Ölflasche als Wasserflasche; um sie herum Kinder in zerfledderten, viel zu großen Shirts. Keine Probleme.

Die Umstellung vom Semi-Nomadentum zur Landwirtschaft ist keine leichte, das wissen wir, und die Dürre hilft dabei nicht gerade. Da die kleinen Farmen zur Zeit die einzig grünen Oasen in der Trockenheit sind, locken sie hungrige Krähen, Heuschrecken, Fledermäuse, Eichhörnchen, Kamele und auch Diebe an. Wenn der Wassertank wochenlang leer bleibt, die Keimlinge von Hasen abgefressen wurden und eine von nur zwei Wassermelonen aus Ruths Feld geklaut wurde, besteht die größte Hilfe, die wir anbieten können nicht aus landwirtschaftlichen Ratschlägen, sondern aus moralischer Unterstützung und Hoffnung spenden. Glaub‘ mir, es wird regnen, und hört so schnell nicht auf. Und mit dem Regen wachsen die Pflanzen in den Bergen und die Hasen werden sich dort satt essen können. Diesen Glauben hat hier noch keiner verloren.

Abends, wenn wir zu unserer Unterkunft durch den Sonnenuntergang fahren, lasse ich mich einnehmen von der Romantik der afrikanischen Wüste: Dann ist alles friedlich und orangegolden; Der Himmel und die aufwirbelnden Staubwolken. Die Siluoetten der Akazienbäume, Termitenhügel und Hütten. Ein kleiner Schwarm Vögel hebt ab, als wir uns holperig und zügig nähern. Barfüßige Kinder rennen lachend neben uns her und winken. Weiter abseits steht ein Mädchen, elf vielleicht, ganz ruhig und weise. Ziegen flüchten und unter einem Baum sitzen ein paar Alte mit vielen Ohrringen und hölzernen Wanderstäben, und die Musik aus der Automusikanlage ist der perfekte Soundtrack dazu. Nichts an dem Leben hier ist so romantisch und perfekt, wie es jetzt scheint. Wie ein Film, und doch: Irgendwie ist es ein Teil des Ganzen hier, und in diesem Moment will ich daran glauben.

Anm. Fotos folgen, sobald das Internet wieder etwas besser ist. Einige Bilder findet ihr auf unserem Instagram-Account (siehe unten).

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply