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Frieden, Flipflops und Familie. Ein Bericht von der Drehscheibe Köln/Bonn

Dezember 19, 2015

Wie ist es, aus der Not die Heimat zu verlassen und nach Deutschland zu kommen? Ich werde es nie wissen, ich kann es höchstens erahnen. 

Es ist halb sieben an einem Abend im Dezember am Köln-Bonner Flughafen. Im Zeltdorf neben dem Parkhaus ist es ruhig. Die Kleiderkammer ist sortiert, auf den Tischen im Zelt liegen Snacks und Getränke bereit. Die Suppe in den großen Töpfen ist warm. Fast wie ein Festzelt sieht es aus, Bierbänke reihen sich an Bierbänken. An den Wänden aus Zeltplane hängen Bilder, gemalt von den Kindern aus den letzten Nächten. Auf einem Bildschirm laufen Informationen: Eine Karte von NRW, Köln ist markiert: „You are here.“, „Food is halal“, „WIFI for free.“ Später werden ermüdete Familien an der Ladestation ihre Handys aufladen und Selfies machen, lächelnd meistens, manchmal strahlend und immer auch müde. Sie werden die Fotos an die Familie daheim oder an die Verwandten in den Lagern irgendwo in Deutschland versenden. Später werden Väter ermattet auf den Bänken sitzen, müde Frauen ihre Babies stillen, Kinder werden sich vielleicht kichernd Luftballons zuwerfen. Die Luft wird erfüllt sein von Stimmen unterschiedlicher Sprachen. In jedem Partikel wird Ungewissheit sein, in jedem Atom die Strapazen von fünfhundert langen Fluchtwegen. Die Erschöpfung wird schwer an den Zeltwänden kleben.

Vor dem Zelt stehen Mitarbeiter der Stadt, Soldaten, und Ehrenamtler. Wir teilen ein bisschen Schokolade, scherzen. Sanitäter haben ihre Taschen geschultert. Plötzlich kommt Bewegung in die Sache, die Gruppe bricht auf Richtung Flughafenbahnhof, als der Zug angekündigt wird. Es regnet ein bisschen und windet stark. Das Wetter gibt sich wenig Mühe, die Ankommenden freundlich in Empfang zu nehmen.

„Marhaban, Welcome, Willkommen!“ Die Zugtüren öffnen sich, zögernd steigen die ersten Menschen aus. Sie tragen Plastiktüten, Umhängetaschen, Säuglinge, erschöpfte Kinder. Wieviel Leben passt in zwei kleine Rucksäcke? Wieviel Not in eine Seele? In ihren Augen steht die unbeschreibliche Mischung aus Angst, Misstrauen, Not, Ungewissheit und ein wenig Erleichterung. Wir versuchen das wegzuwischen aus ihren schönen Gesichtern mit herzlichstem Lächeln und mit den liebsten Worten. Plötzlich geht alle ganz schnell. Plötzlich habe ich ein Kind auf dem Arm, trage es die Treppe zu den Zelten hinauf, während seine Eltern das ältere Kind an der Hand halten und Taschen tragen. Plötzlich bin ich mittendrin und gehe ein paar Meter mit. Große, grünbraune Augen schauen mir skeptisch entgegen. Der Kleine trägt ein Stoffhose und einen dünnen Pulli. Mehr nicht. Nackte Füßchen kuscheln sich still in meine Armbeuge, als wir aus dem Bahnhof raus über den Platz zu den Zelten gehen. Ich versuche mit ruhiger Stimme zu erzählen. Der Kleine kichert. An meiner Hand spüre ich das Rasseln in seiner Lunge, wenn er atmet. Wir finden einen Platz im Zelt, einen Arzt und Socken aus der Kleiderkammer. In zwei Stunden wird die Familie gegessen haben, das Kind wird von den freiwilligen Helfern in der Wickelstation gewickelt worden sein. Ich sehe mich um im Zelt, es ist ein geordnetes Durcheinander. Mitarbeiter der Kleiderkammer bringen Hosen, Socken und Schuhe und sie entsorgen die seit Wochen zerlatschten Turnschuhe, die Kinderschuhe, deren Sohle abbröckelt und die hilflos reparierten Flipflops. Sie kommen in Flipflops, manchmal auf Socken. Es sind nasse sechs Grad draußen.

Hier an der Drehscheibe gibt es alles, was offensichtlich gebraucht wird: Warmes Essen, Tee und Wasser, Süßes für die Kinder, Milchfläschen für die Babies. Strom und Internet, Ärzte, frische Windeln, saubere, trockene Kleidung. Lächelnde Mitarbeiter, die Essen bringen, damit die Mütter bei den vielen Kindern am Tisch sitzen bleiben können, die mit den Kindern Seifenblasen machen und Luftballons werfen, die Babies wickeln, während die weinende Mutter erklärt, dass sie es nicht mehr schafft ihren Säugling zu versorgen, seitdem ihre beiden älteren Kinder im Mittelmeer ertrunken sind. Es gibt alles, was offensichtlich gebraucht wird, aber die Erinnerungen und Verluste kann niemand nehmen. Plötzlich sind die Geschichten aus den Nachrichten wahr und ihre Geschichten werden ein Teil von unserer. Es sind Geschichten, die wir nicht glauben wollen, Geschichten von ermordeten Töchtern und getöteten Brüdern, von Fassbomben, die auf Kinder fielen, von Gefängnissen in der Türkei, Schleppern vor Griechenland, Nächten ohne Obdach und ohne Essen. Geschichten von zerstörten Häusern und verwüsteten Städten. Von Soldaten, die an Haustüren hämmern, um die Söhne zu holen. Die Spuren des Krieges, den keiner in den Griff bekommt, stehen vor uns. Wir spielen mit zwei Mädchen, sechs und acht vielleicht. Rabeb*, die Ältere, erzählt mir auf Arabisch wie sie gefroren hat auf der Reise. „Fünf Schichten hab ich an, guck mal! Und so kalt, brrr.“, entnehme ich etwa aus dem was sie sagt. Dass wir beide gar nicht die gleiche Sprache sprechen, ist irgendwie egal. Wir pusten Seifenblasen und lassen sie zerplatzen. Ihr Vater macht schließlich ein Foto von uns, er möchte ihn festhalten, diesen Moment im stickigen Zelt. Vielleicht ist es der erste Moment seit Langem, da Rabeb lacht und tobt und erzählt.

 Viele von den Freiwilligen sprechen neben Deutsch und Englisch auch Farsi, Arabsich, Türkisch oder Kurdisch. Sie übersetzen, trösten und erklären. Dass wir leider keine Kinderwagen mehr haben. Dass es dort hinten heißen Tee gibt. Dass die Einreise nach Frankreich nicht möglich ist. Ja, auch wenn dein Bruder da ist. Wir checken Zugverbindungen auf unseren Handies, erklären nach bestem Wissen die aktuelle Lage. Aber was reden wir da schon? Noch während ich mit Fared spreche, sehe ich in seinen einen Bruchteil dessen, was er erlebt hat. Mit einem Blick erzählen seine Augen von dem Schlauchboot auf dem Mittelmeer, von den Zügen in Slowenien und von dem deutschen Polizisten an der Grenze, der bei der Kontrolle das Foto von Fared und seinem Freund und die Regenbogenflagge in seinem Portmonee gesehen und gesagt hat: „Du bekommst sowieso nie Asyl bei uns. Du kannst direkt zurückgehen, hier ist kein Platz für Dich.“ Und mit einem Blick weiß ich, dass unsere gut gemeinten Ratschläge einerseits niemanden aufhalten werden und dass sie andererseits manchmal die letzte Hoffnung sind. Es ist überwältigend, wieviel Vertrauen in unsere Worte gelegt wird. Wir versuchen die Not zu lindern mit Luftballons und Schokolade und sauberen Socken. Wir werden später alle Überzeugungskünste einsetzen, wenn wir mit dem Schaffner sprechen, weil das Geld nur für eine Fahrkarte für eine ganze Familie gereicht hat. Wir werden in Bahnhofshallen daneben sitzen, damit keiner kommt und sie anpöbelt oder wegscheucht. Wir können nicht versprechen, dass es schnell gehen wird mit dem Asylantrag, oder dass sie in der gleichen Unterkunft landen wie die Verwandten. Wir können nicht versprechen, dass sie keinem weiteren rassistischen Deutschen begegnen, der sie hässlich beschimpft. Wir wissen, dass wir nicht alles wieder gutmachen können in nur einer Nacht und probieren es trotzdem.

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Um mich herum pulsieren das Leben und der alltägliche und doch immer neue Wahnsinn der Drehscheibe. Die Stimmung wird nicht aggressiv hier, es gibt keinen Streit. Wer hier ankommt, ist erschöpft und froh um jedes bisschen Frieden. Jemand hat ein Instrument mitgebracht, und plötzlich erklingt Musik vor dem Zelt. Jemand tanzt, eine Frau singt und über uns donnert ein Flugzeug auf die Landebahn zu. Für einen Moment bleibt die Zeit stehen.  Diese Nacht bringt uns alle, Freiwillige und Geflüchtete, zusammen, wir werden ein kleines bisschen Familie hier. „Wo kann ich helfen, so wie ihr? Was kann ich tun?“, fragt ein eben erst angekommener junger Syrer. Ein Freiwilliger lächelt; auch er ist vor gut einem halben Jahr erst hier angekommen als Flüchtling, jetzt hilft er hier in jeder Nacht. „Es sind meine Brüder und Schwestern hier, weißt du“, sagt er immer, „Klar, ich helfe“. Die Wahrheit ist aber, dass es unser aller Brüder und Schwestern hier sind, unser aller Väter und Mütter und Kinder. Die Nacht ist noch lange nicht vorbei, als wir mit den Musikanten in der Kälte stehen, die plötzlich wieder erträglich ist. Wir werden die Nacht am Bahnhof verbringen bis wir selbst müde sind, wir werden die Weiterreisenden bis in die Züge bringen. Unsere neuen Bekannten werden die Fenster der Abteile herunter geschoben haben uns nachwinken, ein Kind wird kichernd seine Nase an der Scheibe plattdrücken. Sie werden uns in den wenigen Stunden, die wir gemeinsam verbringen, ans Herz gewachsen sein mit ihren Scherzen und ihren Sorgen, und mit den Verständigungsproblemen, die uns verbinden. Wir dürfen eine kleine Meile der langen Reise mit ihnen gehen.

Wir werden heute Nacht noch auf dem Bahnhofsvorplatz mit einer sechsköpfigen Familie auf Abdul warten, den Vater, der bereits seit Monaten in Düsseldorf untergebracht ist. Meryem, die Cousine, wird auf dem kalten Boden sitzen und ihr dreizehn Tage altes Baby stillen. Abdul wird dann auf die wartende Familie zugelaufen kommen, und seine Kinder werden ihm entgegenrennen. Fast schon kitschig wird diese Szene unter dem beleuchteten Dom wirken. Asifa, seine Frau, wird sagen: „Inshallah, ich habe nicht mehr daran geglaubt.“

 * Alle Namen geändert

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