Abenteuer, draußen unterwegs, Europa, im Fokus

Die Notwendigkeit des Wilden in uns

Oktober 15, 2015

Mein Herbst ist am Schönsten in Nordwales, an nassen Stränden, auf den Geröllfeldern Snowdonias und an den Steilklippen auf Anglesey. Mein Herbst ist vor allem aber am Schönsten zu Fuß, in einem Tempo, bei dem ich mich und das Reisen verstehen kann. Das Glück liegt nicht auf der Straße, aber alles Unglück lasse ich auf dem Weg, den wir zu Fuß wandern. Es wird ein Entkommen der Stadtluft, die ich nicht mehr atmen kann, eine Reise zu mehr Mondlicht und Seeluft und Poesie.

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Wir ziehen früh los, um entlang eines Grats zu wandern, steigen stundenlang steile Felder und heidebewachsene Anhöhen hoch und erklimmen Geröllfelder, deren Felsbrocken manchmal wackeln unter unseren Schritten. Schafe grasen, Bussarde kreisen. Auf der ehemaligen Schiefermiene wachsen wieder Bäume aus Felsspalten. Rosenquarzsehnen ziehen sich durch den Fels unter uns wie ewig alte Lebenslinien. Plötzlich ist es still geworden um uns, keiner redet mehr. Jeder von uns ist zu konzentriert auf seine eigenen Schritte und Handgriffe, zu beschäftigt mit den eigenen Gedanken in der Anstrengung. Einatmen, ausatmen. Wir folgen dem Grat einer Bergkette, um uns herum die fast trostlos und in der Ferne bläulich erscheinenden Berge Snowdonias. Vielleicht ist es die weise Ewigkeit der Berge, die uns klein und bescheiden werden lässt vor der Welt, vielleicht ist es der Blick ins Tal und das Gefühl, alles schaffen zu können nach einem solchen Aufstieg- Bergtouren jedenfalls haben etwas Magisches.

Nach dem Abstieg fahren wir schließlich heim durch die Abendsonne, die die Bergspitzen orange färbt. In einem alten Auto brausen wir die Serpentinen entlang mit glühenden Wangen, schwere Beinen und zerzausten Haaren. Müde Köpfe ruhen auf vertrauten Schultern. Unser Atem ist ruhig und eins mit dem Wind der Berge, wir lassen uns vom schaukelnden Auto in Träume heben, die heute unsere Wahrheit sind: Vor unseren geschlossenen Augen sehen wir noch die Berge, die leise kreisenden Bergvögel. Wir riechen nach Wald und nach Herbst.

Ich kam her für die grünen Herbstwiesen und die blaue, irische See, für bauchige Tassen voll heißem Tee und für seelenwärmenden Frühstücksporridge, den du zimtsüß für uns kochst.  Für die Mollklänge der Gitarrenlieder, die die letzten wehmütig verblassenden Sonnenstrahlen des Sommers tragen. Ich kam her für die Wanderungen, die das Tempo meines Lebens regulieren. Für die traumschillernden Seifenblasen, die wir staunend über die Stadt ziehen und in den Wind schicken.

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Und dann für Anglesey, eine Insel in der irischen See. Sechs Tage sind Anja und ich auf ihrem Küstenpfad unterwegs, schaffen 150 Kilometer, wandern an Steilküsten und Trampelpfaden von früh bis spät, durch Wind und Sonne, einsam und vollkommen. Die Schwerkraft zieht unsere schweren Rücksäcke zu Boden, der Weg aber zieht uns immer weiter um die Insel herum.

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Unsere Zehen sind voller Blasen, unsere Schultern voller Druckstellen, unsere Herzen so leicht. In sechs Tagen durchleben wir tausend Leben und alle Seelenzustände eines Wanderers:

Am ersten Tag noch ziehen wir unerschrocken und voller Tatendrang los. Mein Bruder sendet mir ein Foto aus seinem Badeurlaub in Griechenland. Ha! Warmduscher! Wir hingegen fühlen uns wie zwei knallharte Wandermädels, essen Brombeeren von den Sträuchern und zelten, als es dunkel wird, am Strand. Nicht ohne vorher ein Bad in der eiskalten irischen See zu nehmen.

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Tag zwei. Trotzig wandern wir über den sich anbahnenden Muskelkater hinweg und verirren uns im Inland, als wir dem überschwemmten Pfad nahe einer Flussmündung ausweichen müssen.  Als wir in der Dämmerung immer noch keinen geeigneten Schlafplatz gefunden haben, werden wir unruhig und unsere Beine immer schwerer.

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Tag drei. Ich will auch Badeurlaub in Griechenland machen. Die Schönheit Angleseys und des Lebens sind so überwältigend ermüdend, lassen mich aber weiterlaufen.

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Am Abend schließlich finden wir den perfekten Platz zum Zelten. Wir kommen langsam an in uns und auf dem Weg. Erst nach einiger Zeit in der wilden Natur, die noch ihren eigenen Gesetzen folgt, werden wir bescheiden und ruhig. Erst nach einiger Zeit auf dem Weg erlauben wir es uns, die Schönheit um und in uns anzunehmen und zu umarmen.

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Tag vier. Wir haben auf einer Wiese nahe der Klippen gezeltet in sternklarer, windstiller Nacht. Beim Anblick der Sterne und der Nordlichter haben wir uns klein und groß zugleich gefühlt. Am Morgen beobachten wir Delfine im blauen Wasser und erkennen, dass wir vielleicht einfach nur winzige, glückliche Pünktchen im unendlichen Universum sind und dass wir die Welt nicht immer verstehen müssen.

Unsere Kraft kommt zurück. Wir haben uns eingegroovt. Wir sind eins geworden mit dem Siff und der Schönheit des Draußenseins. Der Zeltbau ist Routine, das Kochen ein paar leichte Handgriffe. Heute sind wir die knallharten Wandermädels.

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Tag fünf. Wir wandern weiter, wir küssen die Erde mit unseren Schritten. Wir trampen ein Stück und besteigen dann Holyhead Mountain, schnaufend, glücklich und frei. Das Gefühl ist wieder da: Und wenn wir noch so wenig verstehen mögen- was in der Welt könnten wir nicht schaffen? Über uns ziehen graue Wolken hinweg. Das Meer ist ein silbrig blauer Schleier.

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Ich blinzle zu Anja hinüber, lächle. Das, was ich auf dieser Reise am Meisten gebraucht habe, waren du, unsere taschenlampenbeleuchteten Zeltgespräche und die geteilte Schokolade in den Wanderpausen. Unser Lachen, das Fels und Meer und Mond tanzen lässt.

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Tag sechs. Unsere letzte Etappe führt uns zurück zu unseren Freunden nach Bangor, wir kommen heim zu Freundschaften, neu und alt. Der Rucksack fühlt sich leichter an, wir haben den Proviant aufgegessen und vielleicht auch ganz unbewusst Ballast abgeworfen irgendwo auf dem Küstenpfad.

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Wind in my hair, I feel part of everywhere underneath my being is a road that disappeared…

Leave it to me as I find a way to be, consider me a satellite for ever orbiting
I knew all the rules but the rules did not know me

(Eddie Vedder)

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