Abenteuer, draußen unterwegs, Europa, im Fokus, Leben

Ein Wort, den Herbst auf den Wangen zu beschreiben

Oktober 28, 2014

Ich habe meinen Rucksack gepackt, meine Wanderschuhe angezogen, meinen Kumpel in Wales angerufen und dann bin ich vor die Tür getreten. Ich bin wieder unterwegs. Ich habe mal wieder nur ein Flugticket und eine Adresse, die Hälfte des Weges liegt noch im Dunkeln und das beruhigt mich mehr als eine durchgeplante Reise. Ich bin wieder unterwegs- es fühlt sich großartig an und genau richtig. Ich werde nur ein paar Tage in Wales verbringen, ein verlängertes, spontanes Wochenende nur. In der Hoffnung, einfach ein bisschen frische Luft zu schnappen, von der Arbeit zu entspannen und zu hören was es Neues gibt bei Gabriel, steige ich in den Flieger.

Ich weiß noch nicht, dass ich drei Tage später Wales verlassen werde mit dem Gefühl, mindestens zwei Wochen da gewesen zu sein. Ich weiß noch nicht, dass ich am Montag glücksdurchflutet in einem Zug Richtung Heimat sitzen werde, links neben mir das Meer mit wogenden Wellen, rechts neben mir gigantische, stille Berge, wissend dass ich jetzt locker bis Weihnachten durchrocken kann auf der Arbeit.

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Bangor ist eine kleine, hügelige Stadt an der Nordküste Wales‘, mehr als die Hälfte der Einwohner sind Studenten. Die Lage ist traumhaft zwischen Meer und den Bergen von Snowdonia, das Herbstwetter in diesen Tagen meistens ungewöhnlich freundlich. Die Studenten, die ich kennenlerne, sind jung und leidenschaftlich für die verrücktesten Dinge. Sie brennen für das Leben und für die kleinen Dinge: Em trägt lange Dreads und kurze Hosen und nimmt ihren Hulahoop-Reifen (mit dem sie gnadenlos gut umgehen kann) überall mit hin- auch abends in den Pub. Harry erkennt Vogelarten am Gesang und bleibt auf den Wanderungen immer ein bisschen hinterher, weil er den Himmel und die Bäume mit seinem Fernglas nach Tieren absucht. „I’ll catch up„, ruft er uns hinterher, rote Locken im walisischen Herbstwind. Gabe pflanzt Moos auf seiner Fensterbank an, weil er darüber gerade eine Hausarbeit schreibt, und nennt die zwei mit Pflänzchen gefüllten Müslischälchen in seinem Zimmer liebevoll und größenwahnsinnig einen moss garden. Ein paar andere Studenten treffen sich in Vikingerkostümen in einem Steinkreis auf einem Hügel außerhalb des Ortes und trainieren Schwertkampf. Ich muss über die Absurdität und Sagenhaftigkeit dieses Ortes und Moments lachen. Manchmal gehen Hippies dort in den Steinreis, erklärt Gabe. Sie wollen mit irgendwelchen Geistern in Kontakt kommen, erklärt er, aber sie wissen nicht, dass dieser Steinkreis erst für ein Filmset in den Sechzigern errichtet wurde. Rachel hat einen Bubbles-Club gegründet und sie trifft sich mit Freunden am Strand von Bangor und formt mit Stöcken und Schnüren riesige Seifenblasen, die schillernd hoch in die Luft wirbeln, sich teilen, tanzen, Geschwindigkeit aufnehmen, taumeln und irgendwann zerplatzen. Es ist Anfang Oktober, das Wetter herbstlich. Ich stehe in Flipflops am schlammigen Strand und beobachte, wie die Seifenblasen ihren Verstand verlieren. Plötzlich ordnet sich alles neu.

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Ich lerne skateboarden und Crumble backen und neue Wörter wie extractor fan, impenetrable und strait. Wir lassen uns die englisch-walisische Geschichten erzählen von kühlen, fünfzehn Fuß dicken Burgmauern, fahren mit dem Bus in die falsche Richtung und wieder zurück. Wir laufen nachts durch den heftigsten Schüttregen, die High Street wird zum Bach und Bitch Hill nahezu unbezwingbar, wir werfen uns Frisbees zu und leises Lachen. Wir essen die Pommes mit Essig und den Kohl – wie in Kenya – mit den Fingern. Ich lerne, dass Drum n Bass wohl nie meine Musikrichtung wird, weil ich den Rhythmus nicht verstehe und weil mein Körper die tausend Tanzschritte abruft, die er kennt, aber keiner passen zu scheint. Irgendwo in der tanzenden, schwitzenden Menge steht ein dicker glatzköpfiger und ziemlich ernst dreinblickender DJ, der zu der schnellen Musik in ein Mikrofon brüllt. Wir hüpfen einige Augenblicke mit, der Holzboden der Dachgeschossdisco wummert unter den Schritten der Tanzenden, T-Shirts und Fussel und Zähne leuchten im Schwarzlicht. Gabe zieht mich aus der Menge, lacht, this is ridiculous, wir ziehen weiter. Ich mag solche Unternehmungen, bei denen alles neu ist und bei denen mein Kopf und mein Körper alles neu verstehen muss und mit so wenig Bekanntem verknüpfen kann. Und in all dem Neuen tut es gut, wenn dann jemand weiß, wie du deinen Haferbrei am liebsten magst und wie du deine Dinge organisierst. Gabe wühlt gezielt in meiner Jackentasche, findet schnell wonach er sucht, Fortunately some things, sagt er, never change.

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Wir hiken zu den Aber Falls in Snowdonia durch stille Tannenwälder und über Geröllfelder. Es hat ordentlich geregnet in den letzten Tagen und die Wasserfälle rauschen nur so an den Steinen hinab ins Tal, dem Fluss folgend und bald ins Meer, das man zwischen den Bergen sehen kann. Jetzt scheint die Sonne auf meine längst nicht mehr gebräunte Nase, der Wind weht kräftig und nimmt alle Sorgen mit. Ich kann beinahe sehen, wie sie wie die Seifenblasen am Strand hoch in die Luft gewirbelt werden und zerplatzen.

Ich brauche die Ruhe der Berge und die Stille der Wälder in meiner Seele, ich brauche den Anblick massiver Gebirge, fürsorglich und weise und ewiglich, die wogenden, verlässlichen Wellen des Meeres und das kraftvolle Rauschen des Windes. Ich brauche das Feuer in den Augen der Menschen. Ich brauche die Gold Time am Abend, wenn alles in warmes, glühendes Licht getaucht wird, wenn es still wird auf der Welt und irgendwie friedlich in uns. Ich merke erneut, dass ich mein Leben nicht allzu sehr in neonröhrenbeleuchteten Hörsälen und in engen, modischen Jeans verbringen möchte sondern an Orten, an denen das Leben pulsiert und schweigt zugleich und an denen ich lebendig bin.

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Im Sommer noch hatte ich Angst vor dem Herbst, ich hab mich gefürchtet vor dem Abklingen der langen, hellen Abende und der Sonnenwärme, vor der Schönheit und Brutalität der Veränderung. Ich dachte, dass alles stirbt im Herbst und dass sich alles ein letztes Mal lebendig aufbäumt im Wirbeln der bunten Blätter und im Rauschen des Windes. Ich dachte an die Blätter, die bald zerkrümeln zu farblosem Staub und kahle Äste hinterlassen, groteske, tote Gestalten. Aber die letzten Momente der Blätter sind ihre Schönsten und Fröhlichsten, Platz machend für die neuen Knospen des Frühlings, der kommen wird, der irgendwann kommen wird.

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Am Abend nach der Wanderung sammeln wir dann Brombeeren in den Büschen Bangors mit violettgefärbten Fingern und rosigen Gesichtern, und backen einen Crumble. Es ist gemütlich um den Ofen und ich suche nach einem Wort, das den Herbst auf den Wangen beschreibt. Ein Wort, das die Spuren des Windes im Gesicht erklärt, diese Frische und Kühle, während die Haut warm und rot glüht und alles im Einklang ist. Der Crumble schmeckt herrlich süß und fruchtig. Wir teilen ihn später mit den Freunden, während wir in der Studentenwohnheimsküche sitzen und reden über dies und jenes, wichtig, unwichtig, egal. Wir sind hier und wir sind jetzt. Gabe sammelt Moos und Harry identifiziert Vögel. Ich schreibe Poesie und Em jongliert und Rachel macht Seifenblasen. Morgen reise ich heim, mit Eindrücken, die meinen ganzen Winter wärmen können. Ich habe meine Sachen wieder zusammengesammelt aus Gabriels Zimmer und meinen Rucksack gepackt. Ich hab ein T-Shirt gefunden, das ich in Afrika vergessen hatte. Irgendwie findet alles seinen Weg. Ich nehme Kraft mit fürs kommende Quartal auf der Arbeit, das Rezept für Crumble, eine Packung Welsh Cake für Martin und ein Buch mit Kurzgeschichten, das Gabriel mir ausleiht. See you around, ruft er mir am Bahnhof hinterher. Keine Ahnung, wann. Ich werde einen Anruf bekommen, irgendwann, nächste Woche komme ich vorbei, wird es dann heißen, that’s alright, dear, isn’t it? 

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