Abenteuer, Afrika, im Fokus, Leben

Der Wandel, den der Regen bringt

Juni 2, 2014

Wir sitzen auf dem Dach um unseren kleinen Kerosinkocher herum und rühren im Kokosreis. Es ist dunkel geworden, wie es jeden Tag hier schon so früh dunkel wird, gegen halb sieben. Keine langen Sommerabende wie daheim. Immer noch ist die Luft warm. Von der Bar dröhnt Musik hinauf,  auf der Straßen düsen Piki pikis. Über uns im tiefschwarzen Nachthimmel beginnen die Sterne aufzuleuchten. Es ist friedlich und magisch, es riecht nach Kokosnüssen und geschmorten Zwiebeln und nach dem Insektizid, mit dem wir uns abends manchmal noch einschmieren. Es wurde uns gesagt, dass wir das besser täten, also denken wir hin und wieder daran und benutzen es.

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Manchmal reden wir viel und alle gleichzeitig. Manchmal genießen wir die Stille, die ich zu schätzen gelernt habe. Das Essen im Topf dampft, er deckt es mit dem Metallteller, den wir als Deckel nutzen, ab. Jemand zündet eine Zigarette an. Es stört mich nicht. Ich weiß dass es mich besser stören sollte, schließlich ist es irgendwie so ungesund und schlecht, aber wirklich, es kümmert mich nicht.

Sie redet von der Wanderung, die wir am Nachmittag unternommen haben und wie sehr sie den Ausblick mochte und das Gefühl der Luft, die aus ihren Lungen heraus- und von der Erschöpfung, die ihre Beine hinaufkroch. Sie fragt ob wir die Schlange gesehen hätten, habt ihr die Schlange gesehen?! Natürlich haben wir die Schlange gesehen, sagt er. Grün und schwarz und dünn. Damals wusste ich dankenswerterweise noch nicht besonders viel über Schlangen oder darüber, wie die Richtung der Streifen anzeigt, ob sie giftig sind oder nicht. Ich weiß nicht mehr, ob die Schlange, die sich still und eitel um den Ast schlängelte damals längs- oder quergestreift war.

Hier sitzen wir also, kochen Abendessen und lassen die Nacht übernehmen. Sie ist meine Schwester und er ist mein Bruder und du, du bist es auch.

Noch bevor das Abendessen fertig ist, essen wir die Schokolade aus dem duka auf. Sie reicht mir die Flasche Mnazi, eine alte Plastikflasche gefüllt mir Palmwein, illegal gebrannt und verkauft in einer Spelunke hinter der Hauptstraße. Er ist lauwarm und schmeckt nach fermentierter Kokosmilch- was es im Prinzip ja auch ist. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich es mag, aber es ist mal was anderes, es ist nicht zu stark und was soll’s, es ist ziemlich afrikanisch. Ich weiß, dass wir wahrscheinlich nicht in Spelunken hinter der Hauptstraße gehen und billigen Schnaps kosten sollten. Ich weiß, dass ich besorgter sein sollte beim Besteigen des Berges, wenn wir uns abseits der Wege unter piepsigen Büschen ducken und gutgläubig durch knietiefes Grasland rennen. Ich weiß dass ich ich mich mehr sorgen sollte, wenn wir dieses alte, rostige Motorrad fahren. Ich schätze, dass ich irgendwie ängstlicher sein sollte im nächtlichen Mombasa. Und ich weiß dass wir wahrscheinlich besser nicht auf der Ladefläche von Mwangelas Truck säßen, während er über dunkle unbefestigte Straßen braust und während uns die ersten Regentropfen der Jahreszeit mit winzigen, trotzig-dumpfen Klängen treffen.

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Ich weiß ich sollte mich um diese Dinge sorgen, aber ich tu’s nicht. Ich tu’s nicht, weil ich mich um so viel anderes sorgen kann. Christopher im Kenyatta Krankenhaus, Gloria in der Schule, der Hirte, der uns von seiner Herde berichtet. Und weil wir die Welt nicht retten können (es aber mit lächerlicher Leidenschaft unnachgiebig versuchen), kann ich auch getrost die roten Ameisen am Baum wichtig nehmen und den Elefanten in weiter Ferne zugetan sein. Ich kann bewundernd dem Kokosnussmann beim Kokosnusshacken zusehen, ich kann den Duft frischer Chapati atmen und bestaunen, wie sich manchmal alles zusammenfügt. Der plötzliche und lang erhoffte Regen, von Tsavo East in dunklen Wolken schnell näher kommend kommend, gießt auf uns und alles herum herab. Einige Regentropfen fallen auf meine Knie und meine Kapuze, Lichter hasten und Tuk Tuks hupen. Ich schaue zu Dir und ihr und ihm und zum schwarzen Himmel über uns. Ich fühle mich lebendig und mit dem Regen wandelt sich alles um uns herum; die Bäume und Büsche und Myriaden von Ameisen und Käfern. Der Boden gebährt Insekten und Sprösslinge, Blätter tauchen an verdorrten Büschen auf. Alles erwacht zu neuem Leben auf faszinierende, eigenartige Weise.

Die Leute hier kennen mich erst seit Kurzem. Hier hat keiner eine Ahnung davon, wie gut mein Möhrenkuchen schmeckt und wie gerne ich koche, keiner ahnt wie schlecht ich trommeln oder lügen kann. Keiner weiß wie ich mit Überraschungen umgehe oder mit Wartezeiten. Keiner weiß wie viele Bücher ich gelesen habe und dass ich rede beim Filmschauen, dass ich Schauspieler verwechsle und im richtigen Leben manchmal Leidenschaften mit Pflichten, selbst goldene Herzen mit klebrig süßen Lügen. Sie wissen nicht wie ich meinen Schulkram oder meine Gedanken organisiere und dass ich einen gewöhnlichen Tatort unheimlicher finde als die nächtlichen Straßen Nairobis. Sie wissen nicht, dass ich kitschige Texte schreibe oder wie ich Pirouetten drehe.

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Hier kennt mich keiner wirklich, und doch kennen sie mich irgendwie so viel besser.

Niemand lässt selbstverständlich mich kochen. Niemand gibt mir nicht die Trommeln weil Lena, wie wir alle wissen, den Takt nicht halten kann. Wie sich herausstellt, genieße ich es tatsächlich mal sehr, bekocht zu werden. Wie es sich herausstellt, kann ich sehr wohl den Takt halten. Ich kann noch immer weder die Klappe halten beim Filmschauen, noch Lügenmärchen erzählen. Aber mir wird bewusst, wie es mich beeinflusst, ständig gesagt zu bekommen- oder mir selbst zu sagen, was ich kann oder nicht kann. Ich bin erschreckt wie sehr ich diese Dinge verinnerlicht habe. Jetzt fühle ich mich entstigmatisiert, neugeboren. Ich habe den Typisch-Lena-Schatten abgeworfen, eine zweite Chance bekommen zu haben.

Sie haben an meiner Seite den Berg erklommen, sie haben mit mir Abendessen gekocht. Ich wachse einen neuen Schatten aus Mnazinächten, pieksigen Wanderungen und Matatufahrten. Aus flüsternden Kopfkissengesprächen in Zelten, aus lautem Lachen in pulsierenden Städten und aus sprachlosem Erstaunen auf einsamen Inseln. Ich wachse einen neuen Schatten aus langen Nächten um düstere Öllampen, aus sorglosen, federleichten Tänzen auf kühlen Fliesen. Ich habe meine tiefsten Ängste und größten Hoffnungen mit dir geteilt und in all dem, irgendwie, kannst du meinen Möhrenkuchen schmecken. In all dem, auf eine Weise, kannst du mich Pirouetten tanzen sehen und erkennen, wie ich mich organisiere und sorge und freue. In all dem findest du meine Leidenschaften und Talente und irgendwann finde auch ich mich. Du findest das, was meine Seele wirklich trägt. All die anderen Dinge- Schatten und Rollen und Erwartungen, das trage ich hier nicht. Ich kann Dinge loslassen und ich kann lernen zu lieben und wertzuschätzen, was tatsächlich typisch für mich ist. Es fühlt sich großartig an, ein bisschen wild auch und fantastisch frei.

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Haben wir auch nur wenig Zeit miteinander verbracht, bin ich doch keine Fremde. Ich bin deine Schwester. So nennt ihr mich, SchwesterSister und Dada. Wir haben einige Wochen zusammen gelebt, und anhand des Klangs meines Atems weißt du ob ich schon eingeschlafen bin. Anhand der Art, wie ich die Wäsche zusammenlege, weißt du ob es mir heute gut geht oder nicht. Wir haben über Bildern von der Heimat gesessen, über ausgebreiteten Fotos und Karten und Erinnerungen auf Bettlaken und Fliesen, wir haben auf Gesichter und Orte gezeigt. Wir haben uns von den wunderbaren Personen auf den Bildern erzählt und von der Magie der Orte auf den Karten. Auf langen Spaziergängen habe ich dir alle Geschichten erzählt die mein Herz kennt, und ich habe deine gehört. Ich hab deinem Flüstern im Dunkeln zugehört und deinem Kichern am Tag, deinen Fragen und Geständnissen. Ich höre deine Schritte und erkenne, dass du es bist. Anhand der Art und Weise, wie du das Frühstück heute gebraten hast, hab ich erkannt, dass ich deine Schwester bin und du mich ziemlich gern hast.

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Ich fange nicht an, jemand anders zu sein- ich entdecke nur, was ich schon in mir trage, was aber so ft versteckt ist hinter Rollen und Erwartungen. Erst dachte ich, dass du mich entspannen würdest, dass du mich locker werden lässt, dass du mich dazu bringst, das Geplane sein zu lassen. Dann dachte ich, dass es dieser verflixte Kontinent ist, wo sowieso nicht wirklich etwas geplant werden kann. Schließlich erkenne ich, dass das alles hauptsächlich daran liegt, dass ich endlich nichts bin als ich selbst.

Ich hab gemerkt, dass es Dinge gibt, die mich gar nicht so viel kümmern, obwohl das vielleicht irgendwie ein bisschen erwartet wird. Jeans, Einrichtungen, Zigaretten. Gehälter, Löhne, die meistens Wartezeiten und Dinge tun, weil man denkt, es würde einem später mal nützen. Und im Gegenteil: Dass es da Dinge gibt, die mich viel kümmern, obwohl sie doch so unwichtig scheinen. Wie Esthers Lächeln und deine Geschichte. Wie Artenschutz in Kenya funktioniert und wie Kinder das Sprechen und Schreiben lernen. Dass Wörter so fabelhaft sein können. Die Aussicht vom Gipfel und in die Gosse. Das Muster der Wolken in den Himmeln und Poesie. Das Lied der Busse, Schritte, meckernder Ziegen und lachender Kinder, sich untermischend in das rhythmische Pochen des Fufustampfens. Sterne zählen und an den Augenblick glauben. Wer setzt schon die Maßstäbe für wichtig und unwichtig, für bedenkenswert und lohnenswert und zeitverschwenderisch?

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Wir sitzen also hier auf diesem Dach und gerade jetzt glaube ich sehr stark an den Augenblick. Wir tragen zerschlissene Kleider, oll und nicht mehr richtig sauber. Wir sehen entblößt aus, kahl, schmucklos und wunderschön. Wir teilen uns dieses Reisgericht und manchmal auch Zahnbürsten. Ich schaue den hastenden Lichtern auf der Straße nach und den ruhenden Gestirnen über uns, dem auf dem Kopf stehenden Mond und den auf dem Kopf stehenden Sternbildern. Wollen wir tanzen gehn?, fragst du. Wir waren schonmal in diesem Club. Es ist laut und wahnsinnig, zu viele Jungs die mit den Mädchen tanzen wollen, Erdbeerwein und Tusker Bier an der Bar, ein Strohdach, müde Partylichter und Afrikanischer Dancehall aus alten, blechernen Lautsprechern. Offensichtlich Prostituierte an den Tischen und ab und zu schmutzige Jungs, die Plastiktüten voller Miraa – grüner Blätter an lila Stielen zum kauen, auf die Tische pfeffern. Es ist ein wahnsinniger Ort, aber dies ist eine wahnsinnige Welt. Es gibt Musik dort und wir werden stundenlang tanzen, bis wir müde zurück in die Betten und eine schläfrige Glückseligkeit wirbeln werden. Ich liebe Tanzen. Der Rest ist mir egal jetzt. Ich nicke. Twende. Gehen wir.

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