Europa, im Fokus, Stadtkind

Berlin, du bist so wunderbar

August 15, 2014

Berlin diesen Sommer schmeckt nach Waldmeisterschnaps und heißen Falafel. Wir tanzen im nächtlichen Regen, verlaufen uns zwischen Hochhäusern in Kreuzberg und rauschen mit Fahrrädern über die vielspurigen Straßen der Stadt. Wir atmen Geschichte und Abgase. Berlin ist zu voll und zu laut und die Nächte hier sind viel zu hell. Ich liebe es.

IMG_0218

Nach unserer Hochzeit – einem wunderbaren, freudigen und durchtanzten Fest, fahren wir übermüdet für ein paar Tage nach Berlin. Wir haben diese Reise beunruigend schlecht geplant: Spontan gebuchte Bustickets, eine telefonische Anfrage im Hostel. Irgendwie wird sich was ergeben, wissen wir. Es fühlt sich gut an, wieder unterwegs zu sein. Immer noch müde kommen wir nachmittags in Berlin an. Anna und Gabe, die gestern Abend schon losgefahren sind und die Nacht im Park verbracht haben, springen uns freudig und zerzaust entgegen, wir fallen in feste Umarmungen und Küsse auf die Wange und werden aufgeweckt für ein paar Tage Hauptstadtabenteuer.

IMG_0030_2

Am Montagabend spät brennt in Kreuzberg die Moschee, schon wieder, schon wieder alles voller Feuerwehr und Polizei, erklärt uns ein taumelnder, zerlumpter Mann, als wir auf einem Klettergerüst zwischen hohen Wohnblocks sitzen und im Himmel über uns vergeblich die Sterne suchen. Um einem Steintisch neben dem Sandkasten sitzen sechs Frauen, junge und alte, mit langen Mänteln und Kopftüchern, und reden. Es hallt zwischen den Hochhäusern aber ich verstehe sie nicht und ich frage mich, worüber sie wohl reden und hinter der vielen Fenster über uns sie wohl wohnen. Zwei junge Männer stromern um die Häuser, rufen plötzlich laut Richtung Gebüsch hinter dem Spielplatz. „Alter!“, hallt es. „Piss da nicht hin! Da spielen Kinder. Geh Dönerbude.“ Ratten und Mäuse zischen über den Platz. Es wird ein bisschen frisch jetzt, die langen Sommernächte sind für dieses Jahr vorbei. Wir reichen eine Flasche Waldgeist herum und eine Zigarette flimmt auf, wenn die Anna und Gabe daran ziehen. Die Sterne werden nicht heller heute Nacht.

IMG_0029_2

Mir gegenüber sitzt Martin in seinem Fischerhemd. Martin, auf den ich nicht stolzer sein könnte, der nicht lässiger aussehen könnte mit seiner Mütze und seinem Bart. Der uns tagsüber durch die Stadt führt, als hätte es hier gewohnt in einem früheren Leben, der uns die Geschichte Berlins und Deutschlands mit allen wichtigen Zusammenhängen erklärt. Der von Maueropfern berichtet, als hätte er sie gekannt und von denen wir am Ende der Erzählung denken, wir hätten sie gekannt. Der Händchenhalten meistens hasst, aber ansonsten ein hoffnungsloser Romantiker ist. Der mir Lieder singt und sich den Trinkspruch To The Grooms Voice damit wohlverdient. Er ist mein liebster Gefährte, er zählt die Sterne mit mir und mit ihm kann ich albern sein und blöd und verrückt und zerbrechlich, und vor allem sehr ich selbst. Er rechnet komplizierte Matheaufgaben im Kopf und sagt Gedichte auswendig vor, aber jetzt zieht er wortlos die Augenbrauen hoch, als  Anna und ich uns beim Mittagessen – Falafel und Haloumi- über Literatur unterhalten und begeistert über unsere Lieblingswerke austauschen. Anna ist eine kleine, quirlige Person, die ihre langen Haare in einem zauseligen Dutt und an den Füßen zwei verschiedene Socken trägt. Sie lacht laut und hat eine Stimme, als tränke sie jeden Tag eine Flasche Whiskey. Anna steckt voller Überraschungen und liebevoll-verrückter Gedanken. Sie bemerkt Dinge, die wir anderen übersehen. Sie ist Gabriels Freundin, Gabriel, den ich aus Kenya kenne, ohne den ich mir die Zeit in Afrika fast nicht vorstellen kann. Er – in ausgelatschten Crogs, einer schlabberigen, abgeschnittenen Jeans, einem Basketballjersery der Miami Heat und einem alten und zu weiten, bunt bedruckten Hemd, ist die vierte Person unserer kleinen Berlin-Truppe.

Da ist immer noch so ein Zauber, der scheinbar wenig zu tun hatte mit Breitengraden und Kontinenten. Das bemerke ich in lauten Blicken und leisen Worten und im Lachen zwischen den Worten. Da ist Dank und Wertschätzung und viel Sein- Lassen und ich bin froh, dass wir alle hier sind. Mit großen Augen hört er Martin zu und ist ganz da, zieht an seiner Zigarette. Sind wir wirklich hier? Wir könnten genauso gut vor einer Hütte in Ostafrika sitzen. Ich hab Dich vermisst, denke ich dankbar. Ich hab Unkompliziert und Wuselig vermisst, Unausgesprochen und Blind. Ich hab Niedergeschlagen und Verwirrt vermisst und deine brutal-zärtliche Ehrlichkeit. Ich sehe, wo wir herkommen und was wir geworden sind und manchmal wundere ich mich, wieso wir uns niemals die Köpfe abreißen, ich mit meinem Geplane und du mit deinem ewigen Mal hier und Mal Dort. Wir hüpfen tänzelnd über die Steinblöcke in einem großen Brunnen. Sonnenlicht bricht sich in den Blättern der Bäume am Rand des Platzes und spiegelt sich im Glockenspiel des Straßenmusikers.

IMG_0230

Diese Tage in Berlin sind perfekt. Irgendwie ist alles wieder frei und alles richtig gut. Wir teilen wieder Duschen und Kuchen aus der Packung, wie lachen über das Leben und träumen uns los vom nahenden Schul- und Unibeginn. Wir haben keine Uhren dabei und nur ein einziges Telefon. Als ich am Abend eine Email bekomme, klingelt es kurz und ich wünschte, ich hätte es auf dem Zimmer gelassen. Wir sitzen in den Gemeinschaftsräumen des Hostels mit Dutzenden anderen Backpackern. Ich liebe es, wenn wir unsere winzigen Eindrücke von der Welt teilen, die uns selbst so unendlich groß und wichtig vorkommen. Ich genieße es, wenn wir mit großen Augen zuzuhören und stauenend lauschen und mit überschlagender Stimme erzählen. Wenn wir unsere Welten, die so winzig sind wie Sandkörner in der Wüste, teilen, und kleine Stücke von anderen Sandkörnern kennenlernen und denken, wir hätten die Welt gesehen.

IMG_0031

Irgendwann sitzen wir an der Bernauer Straße auf einem Stück Wiese, einem Stück hoffnungsvoller Grünfläche, wo vor über fünfzig Jahren angefangen wurde, Stein auf Stein zu schichten und wo vor fünfundzwanzig Jahren noch ein breiter Streifen unheilvollen Nichts war zwischen sozialistischem Staat und Bundesrepublik, zwischen Ost und West. Martin und ich sind im vereinten Deutschland geboren und aufgewachsen. Sich gegenüberstehende Panzer in unserem Land, ständige Angst vor dem kalten Krieg und eine Mauer hier in der Stadt wirken so surreal und wir können nur erahnen wie es gewesen sein muss, nicht raus zu dürfen und nicht alles sagen zu dürfen. Ich lerne zu schätzen, dass ich die Wahrheit sagen und hier schreiben kann. Aber eigentlich ist die Wahrheit, dass ich manche Worte dann eben doch nicht ausspreche, Worte wie Kokosschnapsnächte und Ruhestörung vielleicht, oder  ember.

IMG_0229

Aus Klee, der auf dem ehemaligen Mauerstreifen wächst, flechte ich gedankenversunken eine Kette, die Anna wird sie für den Rest des Tages in ihrem zerzausten Haar tragen wird. Zur Straße hin deuten metallene Poller die ehemalige Mauer an, zur anderen Seite sind die Häuserwände mit Plakaten beklebt, übergroße Fotos von flüchtenden Menschen aus der DDR. Obwohl es erst August ist, fühlt sich der Wind angenehm frühherbstlich an, pfeift zwischen den Pollern von Ost nach West und von West nach Ost und zerwuselt Annas Haar noch mehr. Wir wägen die Vor- und Nachteile verschiedener Staatsformen ab. Wir sprechen von der Freiheit und dem Glück, von Grenzenlosigkeit und davon wie, „einen Flim schauen“ niemals nur „einen Film schauen“ heißt. Hier in dieser Stadt und in uns werden Dinge neu definiert: Freiheit und Frieden, Stolz und Heimat. Herkunft und Zugehörigkeit und Grenzen. Berlin ist alles und jeder. Jeder ist Berlin. Heute auch Du und Ich und Er und Sie und Wir. Wir sowieso. Berlin ist lebendig und wir sind es auch. 

Berlin- unsere liebsten Ecken 2014

Falafel bei Esra- Arabische Gerichte in der Oranienburger Straße, nahe Hackescher Markt

City Stay Hostel in der Rosenstraße zwischen Alex und Hackescher Markt

Currywurst 61 in der Oranienburger Straße

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply