Abenteuer, Afrika, draußen unterwegs, im Fokus

Zurück in Kenia

März 20, 2014

Wir sind zurück in Kenia und erleben nochmal ein anderes Afrika: Weiter entwickelt einerseits, schmuddeliger und chaotischer andererseits. Zerschlissene Einfachheit statt gepflegter westafrikanischer Romantik. Die Wärme hier ist trocken, die Speisen weniger gewürzt und der Himmel ohne den Saharasand viel klarer.

Wir schwimmen in der ganz normalen kenianischen Verrücktheit und genießen eine etwas subtilere Freundlichkeit. Zurück in der unendlichen, ständig neu faszinierenden Weite Ostafrikas, wo wir im Bus Ich-wette-dass-ich-eine-Antilope-sehe-bevor-du-ein-Zebra-siehst spielen, wo ein Pläuschchen mit einem Massaikrieger im Schatten eines Baumes schrecklich normal erscheint und Pikipikis durch den roten Savannenstaub und Nairobis Rushhour fahren. Wir sind da, wo eine 700 Kilometer lange Zugreise 27 Stunden dauert, wo Giraffen majestätisch neben dem „Highway“ entlangschreiten und unsere Schatten am Mittag so kurz sind wie nie.

„There’s more to see than can ever be seen more to do than can ever be done. There’s far too much to take in here, more to find than can ever be found.“ (Tim Rice)

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In Nairobi wohnen wir bei Gabriel im Jungen-Studentenwohnheim. Das Haus ist siffig, das Zimmer winzig, seine Freude und Gastfreundschaft dafür umso größer. Neun Quadratmeter Mückenparadies zwischen durchgelegenen Matratzen, Reisegepäck und Biologie-Skripten. Das Gebäude sieht eher aus wie ein behauster Rohbau: Auf bröckeligem Betonboden liegt so etwas wie eine Wachstuchtischdecke, die Fenster schließen nie ganz und die herausgefallenen Glasscheiben der Oberlichter zum Flur hin wurden durch Pappen und Spanplatten ersetzt. Wir kochen auf einer zweifelhaft installierten Heizspirale, essen aus dem Topf und merken wieder einmal: So ein Essen schmeckt besser als vieles andere. Am Abend gucken wir 12 Years a Slave, ein guter Film mit der oskarprämierten kenianischen Darstellerin Lopita. Richtig gemütlich wird es nicht- und das liegt nicht nur am Film. Martin zerdrückt eine Bettwanze auf seinem Bein und über die Laptoptastatur krabbelt, im Dämmerlicht des Filmes, eine Kakerlake.

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Wir verbringen also einige Tage in Nairobi, treffen meine Gastbrüder William und Lawrence und meine Gastmama Alice. Auch in der Schule in Mowlem schauen wir nochmal vorbei: Mittlerweile in einem neuen Gebäude, herrscht hier das bekannte, fröhliche Durcheinander.

Wir schauen uns die Stadt an und vom höchsten Gebäude darauf hinab. Unten schwimmen wir im hektischen Strom weiter und essen Ugali, Kohl und Bohnen.

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Mit dem Nachtzug reisen wir weiter nach Mombasa, Pannen und stundenlange Verspätungen inklusive. In Voi treffen wir Gabriel wieder, tanzen zu ostafrikanischem Dancehall, trinken billigen Mnazi auf dem Dach und hiken auf den höchsten Berg der Umgebung. Zwei Dorfjungs zeigen uns den Weg bis auf den letzten Felsen, hier gibt es weder Eintrittsgelder noch Pfade, nur große Schnecken, pieksige Büsche, Affen in den Bäumen und atemberaubende Aussichten. Um uns herum Tsavo East so weit man blicken kann, Savannenbäume und Elefanten. Über uns der ewige Himmel. Es scheint, als ob es schon immer so gewesen sein muss hier und als ob es immer so bleiben wolle. Ewig neu. Nairobis Großstadtgewusel und die Vorstellung, diese Gedanken mit einem Computer, für Euch lesbar, ins Internet zu tippen, erscheint so unwirklich. Nicht falsch oder schlecht- einfach unwirklich.

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Ich bin noch immer fasziniert von den unendlichen Weiten hier. Wenig anderes scheint so ewig lebendig zu sein wie Svannen mit sattgrünen Bäumen und Herden wilder Tiere, wie lachende und tobende Kinder im Dorf und wie die Sonne, groß, glühend und steil am Himmel, von dem in der Nacht unzählige Sterne auf uns herabregnen und an dem der Mond, heller als je zuvor gesehen, schweigsam wacht.

In Mombasa sitze ich am Strand: Bamburi, Bamburi, Bamburi. Das Wasser badewannenwarm, Dromedare trotten wie im Zeitlupe am Meeresufer. Martin schwimmt im türkisen Wasser, sonnenverbrannte Schulter, nasse Haare. Ich bin froh, dass wir zusammen hier sind: Ich erlebe, was ich schon kenne, mit anderen Augen und wir entdecken Neues gemeinsam. Die letzten Tage Afrika, die letzten Tage Urlaub, bevor das Wohnungssuchen in Köln beginnt, bevor ich ins Referendariat starte und Martin seine Bachelorarbeit schreibt. Bevor es Pflichten gibt und Erwartungen. Bevor ich aus einer Welt zurückkehre, die sich um ganz grundlegende Bedürfnisse dreht und dabei trotzdem beeindruckend entspannt und lebensfroh bleibt.

Ich werde schließlich im Flugzeug sitzen. Unter mir wird Afrika kleiner und kleiner werden. Ich werde mir Socken angezogen haben und feste Schuhe, in Deutschland wird es kühler sein. Es wird vertraut riechen, nach Stadt und Feld, vielleicht nach Regen, und bestimmt auch schon ein bisschen nach Frühlung. Es wird weniger nach verbranntem Plastik riechen und weniger nach offenem Abwassersystem und vielleicht ein bisschen weniger nach Freiheit. Ich werde mir einen Kalender kaufen und meine Armbanduhr tragen. Ich werde in einer beheizbaren Wohnung wohnen, wo immer Trinkwasser aus dem Hahn kommt. Trinkwasser, farb-, geschmack- und keimlos. Bald werde ich in einer Klasse unterrichten, in der bunte Plakate an der Wand hängen, wo es für jedes mathematische Problem passendes Material gibt und wo die Schüler Buntstifte in mindestens zehn verschiedenen Farben besitzen. Manchmal, in Ghana und Kenia, hab ich wehmütig an gefüllte Federmäppchen und Butterbrotdosen gedacht. Vielleicht werd‘ ich bald wehmütig an die Fahrt mit dem Schulbus in Ghana denken: Zwanzig laut singende Kinder, unermüdlich, musikalisch und fröhlich, und ein Busfahrer, der Sing! Shout!, oder louder! ruft, wenn sie nachlassen. Ich hab ein bisschen Sorge vor Klassenräumen, in denen man lieber nicht zu laut sein darf und vor Erwachsenen, die Kopfschmerzen bekommen vom Kinderlärm- und vielleicht auch ein bisschen Sorge vor komplexeren Problemen als Materialmangel und vor größeren Anforderungen als eine Stunde lang Beschäftigung von Zweitklässlern zu improvisieren.

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Die dünnen Papierseiten, auf denen ich diese Gedanken festhalte, flattern im warmen Wind. Meine Lippen schmecken nach Salz. In den letzten Monaten hätte ich nicht glücklicher sein können. Äquatornähe und Trockenzeit sei Dank: Zugegeben, ich hab‘ auch ordentlich Vitamin D getankt. Und frische Luft. Gemeinschaft. Tausende Momente hundertprozentiger Anwesenheit und viele Situationen großer göttlicher Abhängigkeit. Ich bin dankbar für die Zeit und die Erfahrungen hier und während ich an all die Glücksmomente denke, während Martin dahinten im Ozean planscht, verstehe ich: Das alles hört nicht auf, wenn ich heimkehre. Das alles ist nicht vorbei, wenn ich Flipflops wohl oder übel gegen feste Schuhe tausche. Wenn ich nicht mehr am warmen Strand, sondern am Rheinufer spaziere, wenn es beim Referendariatsunterricht so richtig drauf ankommt. Ich verstehe, dass das alles nicht vorbei sein wird, dass es hier- Sonnenschein, Rastazöpfe, Savannenweite- nur viel einfacher ist. Make happiness, not money, hat der Trommelbaumer am Strand vom Accra gesagt. Wer wird so etwas schon sagen in Deutschland, hab ich gedacht, und versucht, den Rhythmus nachzutrommeln. Poor in pocket, but happy in life, war auf ein Fischerboot in Ada Foah, Ghana, gepinselt. Und ich kann mehr lernen von den Afrikanern: Dass Zeit nehmen wichtig ist und eigentlich normal sein sollte.

Ich hab den Verkäufer im Lebensmittelladen gefragt, ob er mir den Weg zu einer Mandazibäckerei erklären könnte. Let’s go, hat er geantwortet, seine Kasse verlassen und mich quer über den Marktplatz gebracht. Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen: Zeit ist schließlich Geld und man verschwendet nicht einfach anderer Leute Zeit. Zeit ist Geld bei uns, und Zeit ist Geld auch in Kenia. Geld, aber eben nicht Priorität Nummer eins und deshalb für meinen Mandaziguide gar kein Thema. Ein anderes Mal in Ghana wollte ich Zwiebeln kaufen. Der Zwiebelstand auf dem Markt aber war verlassen, der Zwiebelmann weit und breit nicht zu sehen. Die Tomatenfrau deutet auf die Moschee: Is prayer, sagt sie. You wait ten minutes. So einfach ist das: Wenn zum Gebet gerufen wird, geht man hin. Wenn jemand nach dem Weg fragt, bringt man ihn.

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Am Abend vor unserem Rückflug übernachten wir wieder bei Gabriel. Der Abend mit Lopita und der Kakerlake, erinnert ihr euch? Die Zeit hier ist so schnell vergangen. Ich freue mich schon auch auf die Heimat: Freunde, Familie, tanzen. Mal wieder länger an einem festen Ort sein: Das Reisen der letzten Wochen, alle paar Tage woanders zu sein, ist auch anstrengend auf Dauer. Wir haben uns schlafen gelegt in Gabriels Zimmer. Vom Flur kann man noch Schritte hören und Lärm der anderen Bewohner. Ich höre Martin ruhig atmen, er ist eingeschlafen. Bald darauf erkenne ich auch Gabriels Atem, auch er schlummert. Morgen also ins Flugzeug. Die Taschen sind gepackt. Make happiness, not money. Wer wird sowas schon sagen? Hoffentlich ich, denke ich und drehe mich um auf der dünnen Matratze unter Gabriels Schreibtisch.

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