Afrika, Gemeinschaft, im Fokus, Leben

Apfelbäume pflanzen in Nairobi

Dezember 10, 2013

Unsere Strategie sollte es nicht nur sein, das System zu konfrontieren, sondern es zu belagern. Ihm den Sauerstoff zu entziehen. Mit unserer Kunst, unsrer Musik, unserer Literatur, unserer Hartnäckigkeit und unserer Eigensinnigkeit, unserer Freude, unserer Großartigkeit , unserer bloßen Unnachgiebigkeit– und unserer Fähigkeit unsere eigenen Geschichten zu erzählen. Geschichten, die anders sind als die jener, deren Gehirne gewaschen wurden um dem System zu glauben. (Arundhati Roy, Übers. durch den Verfasser).

Eine meiner Lieblingsautorinnen, Arundhati Roy, hat das mal gesagt, und mich damit inspiriert, mit mehr Ausdauer, mehr Kunst, mehr Freunde und Cleverness versuchen durchs Leben zu gehen, mehr Geschichten zu hören und zu erzählen.

Ich möchte deshalb in diesem Zusammenhang von dem Projekt Visit a Patient berichten, dass Kacey und Lilian in einem Krankenhaus in Nairobi auf die Beine gestellt haben. Ich durfte im Projekt mitarbeiten und möchte die eindrucksvollen Erlebnisse mit Euch teilen. Ich bewundere den Einsatz von Kacey und Lilian wirklich sehr: Zusammen mit anderen Freiwilligen kümmern sie sich um Langzeitpatienten, die keine Familienangehörigen mehr haben. Das sind vor allem verwaiste oder verlassene Kinder, aber auch einige verlassene ältere Menschen. Kacey, Lilian und die anderen gehen spazieren mit einer tadderigen alten Dame, die niemand sonst besuchen kommt, von der keiner weiß was genau sie hat und über welche die anderen Patienten flüstern: Sie ist von bösen Geistern besessen. Sie spielen Tischtennis im Hof der Cafeteria mit Jungs in zerfledderten, hellgrünen Krankenhauspyjamas und sie lernen Englisch und Rechnen mit ihnen. Sie schieben Patienten im Rollstuhl umher, von denen keiner weiß, ob sie überhaupt etwas mitbekommen oder die anfangen, auf Kiswahili zu schimpfen und die den Kuchen, den Kacey in der Cafeteria kauft, durch die Gegend spucken. Sie wechseln die Milch in den Fläschchen für die Babies und füttern sie. Unermüdlich, unnachgiebig. Weil Shosho, die tadderige Dame, am frühen Abend dann doch irgendwann lächelt. Weil der Mann im Rollstuhl, der schimpft und den Kuchen ausspuckt, alle paar Tage den Kuchen dann doch aufisst (ziemlich schnell). Weil sonst niemand mit Shosho spazieren geht, weil sonst niemand mit den Jungs im Hof tobt und weil sonst niemand die Milch wechselt und die Babies stattdessen mit verdorbener Milch gefüttert werden.

Kenyatta Hospital ist ein großes Krankenhaus mit vielen Stockwerken, ein alter Bau mit vielen Zimmern, zu wenig Zimmer für die vielen rostigen Betten mit durchgelegenen Matratzen und zu wenig Betten für die vielen Patienten. Viele Ärzte und Schwestern treffen wir nicht an in diesen Zimmern (aber die, die wir treffen, sind – wie alle Kenianer, die wir bisher kennengelernt haben- herzlich und nett). Die Zimmer sind voll, manchmal liegen Patienten im Flur auf dem Boden. Fast alle Patienten hier sind extrem krank. Patienten im Krankenhaus sind immer krank, das weiß ich, aber ins Kenyatta Hospital gehen viele Menschen erst dann, wenn es ohne medizinische Versorgung nicht mehr geht. Man geht nicht, wenn der Krebs entdeckt wird, sondern wenn er den Körper zerfressen hat. Man geht nicht, wenn man ein gebrochenens Bein hat, sondern wenn es einfach nicht zusammenwachsen will und schlimm entzündet ist.

Dass ich dort im Krankenhaus war, ist jetzt schon einige Wochen her, und erst jetzt kann ich die Eindrücke irgendwie ordnen. Ich möchte nicht verpassen, die Geschichten zu erzählen.Vielleicht ist das eine der Geschichten, die Arundhati Roy meint. Ich möchte Euch auch Christopher vorstellen, ich möchte, dass ihn jemand kennt.

Wir besuchen Kleinkinder, die Tumore und Infusionsnadeln in den kleinen Köpfchen haben, wie Lizzy. Ich bin ja keine Expertin, aber wahrscheinlich sollte Lizzy, erst ein paar Wochen alt und mit einem schrecklich großen Tumor im Kopf, jetzt nicht unbedingt mit uns in Kontakt kommen. Sie sind so winzig und ich doch bestimmt voller fremder Keime. Ich äußere meine Bedenken Kacey gegenüber. „She has to be in intensive care anyways,“ sagt er. Ihr Atem ist pfeifend. „But there’s no way this is going to happen. We really hope she makes it. But chances aren’t great that she survives her disease in this environment. I can’t change the environment, I can’t save her. I can only try to make her day and I can love her today. If we don’t feed her, if we don’t rock her, no one does.“ 

Ich weiß fast nicht, wo ich zuerst hinschauen soll, und wo ich am Liebsten zuerst wegschauen würde. Die Kittel, die gewaschen werden müssten, der Flur, der mal wieder gefegt werden könnte, die Krankenhauseinfahrt, die so voller Schlaglöcher (Krater?) ist, dass ich mich frage, wie dort im Notfall ein Krankenwagen schnell und sicher herfahren soll. Dann fällt mir auf, dass ich noch nie einen Krankenwagen gesehen habe hier. Ich brauche zwischendurch mal kurz einen Moment zum Durchatmen und frage mich zum Bad durch. Es gibt nicht mal Seife auf der Toilette.

Später lerne ich Christopher kennen. Er ist elf Jahre alt und die letzten zwei von diesen elf Jahren hat er hier im Krankenhaus verbracht. Zwei Jahre sind lang, vor allem wenn man elf ist, und vor allem wenn man sie in diesem Krankenhaus verbringt, denke ich, als ich ihn treffe. Aber vielleicht sind zwei Jahre in Kibera, Nairobis größtem Slum, auch lang. Dass er schon so lang hier ist, erkenne ich nur daran, dass er sich wie selbstverständlich durch die Gänge und Höfe bewegt, und dass die Ärzte und Schwestern ihn grüßen. Das ist seine Nachbarschaft hier, sein Zuhause. Chris hat ein Bett mit einer alten Matratze in einem der vollen Zimmer bekommen, neben seinen Freunden Mark und Josh, die auch schon eine Weile hier sind. Chris hat keine Eltern, Kacey glaubt, dass sie verstorben sind. Das passiert in Kibera und überall. Seine übrigen Verwandten haben ihn ebenfalls verlassen, weil sie nicht für seine Behandlung und Therapie zahlen können. Auch das passiert in Kibera. Selbst wenn Chris entlassen werden könnte – er kann nirgendwo anders hin als auf die Straße, niemand kommt ihn besuchen, niemand käme ihn abholen. Christopher hat Krebs, mit besseren und schlechteren Zeiten. Im Moment ist eine bessere Zeit und er ist er ziemlich fit. Er spielt jeden Tag Tischtennis im Hof des Krankenhauses, und er ist richtig gut darin. Chris hat viel Zeit zum Üben und im Moment zum Glück viel Energie, er hüpft, tobt und jubelt viel zur Zeit, er lernt seine Englischvokabeln und liest in Schulbüchern. Eine richtige Schule hat er natürlich nie besucht, er hat Englisch und Lesen erst hier gelernt und im Krankenhaus findet sich immer jemand, der sich Zeit nimmt für ihn. Nicht die Ärzte, nicht die Schwestern, die sind unterbesetzt und schaffen es kaum, auch nur das Nötigste zu behandeln. Keiner weiß, ob Christopher die englischen Wörter mal brauchen wird. Ob er jemals lesen können muss. Keiner weiß, ob ihn jemals jemand abholen muss aus dem Kenyatta Hospital, indem die Zimmer voll sind mit Geschichten wie seiner. Aber das ist nicht wichtig. Wir können nur heute lieben, hat Kacey gesagt. Martin Luther hat gesagt:  „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“ 

Ich finde all das schrecklich. Ich bin auch erst ein paar kurze Wochen in Afrika, habe noch nicht auf Mfangano gewohnt ohne fließend Wasser und habe noch nicht die Wohnungen unserer Schüler in Mowlem gesehen. Ich hab noch nicht die tiefe Schürfwunde einer Schülerin mit Klopapier und Tesafilm verbunden. Ich hab noch nicht den Jungs aus der Siebten Kleingeld in die Hand gedrückt, damit sie im Shop um die Ecke eine Rasierklinge kaufen können, und ich hab dann damit noch nicht den drei Centimeter langen, sehr dicken und seit Wochen eingewachsenen Dornen aus dem Fuß einer vierjährigen Schülerin geschnitten- auf dem Lehrerpult, zwischen Mathe-und Englischunterricht. Ich finde es schrecklich im Kenyatta Hospital und zeige das nicht, weil Chris das irgendwie überhaupt nicht so ausstrahlt. Da ist keine Trauer und keine Klage in seinem Blick, keine Suche nach Mitleid. Da ist zwischen den Hüpfern um die Tischtennisplatte manchmal ein kleines Zucken im Gesicht, wenn er ungünstig aufkommt mit dem Bein, das so ein Schraubgestell drumherum hat.

„Hat, cat, fat“, übt er die neuen Vokabeln, schaut mich fragend an, ob er wohl alles richtig ausgesprochen hat. Ich versuche die Welt aus seinen Augen zu sehen, und das ist schwer. Aber ich sehe Kacey, der mit ihm beim Tischtennis lacht und sich mit ihm freut, wenn er gewinnt, der ihn aber niemals extra gewinnen lässt. Ich seh’, dass er heute Kraft hat zum Spielen, und dass Joshua zwar heute nicht mitspielen kann, weil irgendwas schlimm geschwollen ist hier seinem Auge, aber morgen vielleicht wieder, morgen ist er bestimmt wieder dabei. Ich seh’ dass die Schwester die Hand hinhält, sodass er einschlagen kann, und dass sie mit ihm lacht, so richtig lacht, nicht einfach nur ein bisschen höflich lächelt. Ich seh’, dass jeden Tag jemand kommt, der mit ihm spielt und lernt. Dass sich immer irgendwer kümmert, dass irgendwie für ihn gesorgt ist. Ich seh’, dass die Gefahren hier im Kenyatta Hospital vielleicht einfach andere sind als in Kibera und dass das hier vielleicht nicht das schlechteste Zuhause ist.

Er hüpft vor mir den Gang entlang, schlittert mit seinen ausgelatschten Flipflops über den Boden. Wir sind auf dem Weg zurück in sein Zimmer. Aus dem Hof kann man Gesang hören, der Krankenhauschor probt grade. Patienten, Ärzte, Schwestern und Besucher treffen sich da und singen Hallelujah und Blessed be your name. Sie lachen.Blessed be Your name, when the sun’s shining down on me, when the world’s all as it should be. Blessed be your name when the road’s marked with suffering, when there’s pain in the offering. Sie genießen den Moment in vollen Zügen. Hier, wo so wenig Morgen ist, wird das Heute so groß geschrieben. Sie lachen, als wären wir nicht im Kenyatta Hospital, wo Babies sterben, die man vor die Eingangstür gelegt hat und die nie jemand besuchen kommt; sie lachen als wären wir nicht in einer Welt, die Menschen dazu bringt, Kinder wie Christopher zu verlassen. Als würden wir nicht Umstände schaffen, die Familien dazu zwingen, sein Lächeln zu vergessen und ihn allein zu lassen. Sie singen und loben aus ganzem Herzen. Das ist die Freude glaube ich, die Arundhati Roy meint. Christopher hüpft den Flur entlang, lässt die Aufzüge links liegen, öffnet die Tür zum Treppenhaus und dreht sich kurz um zu mir: „Twende, stairs“, („Los, wir nehmen die Treppen“) ruft er mit einem großartigen, ganz natürlichen Lächeln, „elevator is when you are sick“.

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