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Aufwärts fallen oder: Warum Kenia mich so glücklich macht

Februar 24, 2014

„Maybe I’m brainless, maybe I’m wise. You’ve got me seeing through different eyes. / Somehow I’ve fallen under your spell, and somehow I’m feeling it’s up that I fell.“ (Indira Menzel)

Reisen, Gemeinschaft leben und Warum die Zeit in Kenia mich so glücklich gemacht hat

In Ghana nehme ich zum ersten Mal bewusst „Poverty Tourists“ wahr, Reisende, die aus für ein paar Urlaubstage oder -wochen Einblicke bekommen wollen in das Leben der Menschen in der dritten Welt. Sie kommen hierher – Ghana ist da ein beliebtes Reiseziel, da es sehr sicher und dennoch in vielen Gegenden sehr arm ist – sie wohnen in gewohnt komfortablen Unterkünften mit heißem Wasser und Klimaanlage und besuchen tagsüber Dörfer und Slums, arbeiten in Schulen und Waisenhäusern mit.

Poverty Tourism hat eine Art von oben herab, die wenig hilft, weil sie die Grenzen nicht aufbricht und nicht verändern, sondern beobachten will. Slumbesuche können augenöffnend sein, hinterlassen garantiert ihre Spuren und der Armut und dem Leid ein Gesicht zu geben, ist ein erster und wichtiger Schritt. Dass wir Shirts made in Taiwan tragen, ist nur deshalb möglich, da bin ich mir sicher, weil es so leicht ist die Augen zu verschließen, und weil wir die Kinder nicht kennen, die für einen Hungerlohn unter unwürdigen Bedingungen stundenlang daran gearbeitet haben. Ich glaube aber, dass Poverty Tourism nie das ganze Bild vermitteln kann und wie ein Besuch im Zoo und deshalb ziemlich pervers ist. Es gibt einen Unterschied zwischen Mitleid und Mitleiden, zwischen Ich-schau-mir-mal-kurz-deine-Welt-an-bevor-ich-meinen-Starbucks-trinke und Ich-geh-ein-Stück-in-deinen-Schuhen. Beziehungsweise, in deinen kaputten und viel zu kleinen Plastikflipflops.

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Aber wieder einmal: Urteilen ist nicht angebracht, denn jeder reist und lebt auf seine Art, und Beobachten und Interesse zeigen ist sicher besser als die Augen zu verschließen, und sicher sind ich und meine Volunteerkollegen in vielerlei Hinsicht nicht besser und ich frage mich, ob sechs Monate Freiwilligenarbeit nicht auch irgendwo eine Art großer Poverty Tourism sind.

Mit den Menschen leben, ihr Brot essen, den Staub ihrer Slums an den Füßen haben und wochenlang nicht abgewaschen bekommen ist es jedoch, was Herzen verändert und Beziehungen schafft. Was den Mamas im Slum zeigt, dass es Hoffnung gibt, weil sich jemand tatsächlich interessiert und weil jemand ihnen beim Abwasch hilft. Was aber vor allem mir zeigt, dass es Hoffnung gibt, weil es Orte gibt, die trotz aller Abgefucktheit so viel Menschlichkeit, Wärme und Warmherzigkeit bewahren können, und weil es Menschen gibt wie Glorias Papa, der mit seinem gebrochenen und nie wieder zusammengewachsenen Arm so voller Dankbarkeit ist, dass seine Töchter gesund sind und zur Schule gehen, der jeden Tag Gott lobt für das Lachen auf ihren Lippen und für die kleine Portion Ugali auf dem Teller.

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Ich will mehr und gleichzeitig weniger sein als eine junge weiße Frau, die großzügigerweise ihr Geld teilt und ihre Zeit den armen, afrikanischen Kindern im Slum widmet. Die ein paar Stunden im Dreck verbringt, mitleidsvoll etwas gutgemeinten, aber doch schlechten Englischunterricht hält und abends in ihre heile Welt zurückkehrt. Und ohne Zweifel bin ich nicht ganz eingetaucht in ihre Welt, allein meine Hautfarbe macht es unmöglich, mich unbemerkt unterzumischen, immer steht „Mzungu“ fett auf meiner Stirn, „Mzungu, eigentlich gehörst du nicht hierher“, schreien meine Hautfarbe, meine blonden Haare, meine blauen Augen. Und mein Herz jedoch gehört überall dorthin, wo ich war und wo ich Menschen getroffen hab, die mich wie eine Schwester und Tochter aufgenommen haben.

Die erste Kenianerin, die ich traf, hat mir gezeigt, wie es geht, noch bevor ich Fuß auf afrikanischen Boden gesetzt habe: Im Flugzeug, gerade die final parking position am Nairobi Airport erreicht, die Anschnallzeichen noch nicht ganz erloschen, drängten sich alle hektisch nach draußen- wir hatten vier Stunden Verspätung und viele Passagiere mussten Anschlussfluge erreichen. Ich ließ einige Eilende vor. Aber diese fremde Dame blieb stehen, lächelte und nickte mir zu: „Go ahead.“ „But- aren’t you in a hurry?“, fragte ich nach, zögernd, ich wollte sie nicht länger aufhalten. „Yes I am, but you are my daughter and I will take care of you. After you, mtoto.“

Selbst beim Reisen konnten wir es so kenianisch wie möglich halten: Nachtbusse und klapprige Matatus, schäbige, kleine Hotels und Zelte, Mandazi zum Frühstück und Bohnen zum Mittag, und einen großen Bogen um Touristenstrände. Stattdessen mit den Dorfkindern planschen und uns zeigen lassen, von welcher Klippe man am Besten ins Meer springen kann. Nachts Nairobi “Nairobbery” und Mombasa erkunden, weil jede Stadt nachts ganz anders ist als am Tag. Ein Pikipiki, dessen Speedometer nicht funktioniert, dessen Batterie immer rausfällt und dessen Tank mit einer Nadel geöffnet werden muss, auf dem Nairobi-Mombasa-Highway fahren, einfach weil es billiger und näher am Leben ist als eine Fahrt mit dem Taxi. Im Viktoriasee baden, auch wenn in Reiseführern davon abgeraten wird; wie sonst soll man sauber werden hier ? Alles Dinge, die irgendwie ein bisschen angsteinflößend sein können und in Reiseführern mit einem großen roten Warndreieick markiert sind. We all know fear. But passion makes us fearless.

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Have no fear of robbers or murderers. They are external dangers, petty dangers. We should fear ourselves. Prejudices are the real robbers; vices the real murderers. The great dangers are within us. Why worry about what threatens our heads or our purses? Let us think instead of what threatens our souls. (Victor Hugo, Les Misérables)

Dabei haben wir unzählige Menschen kennenlernen und ihre Geschichten hören dürfen, und wir haben unsere erzählt, vom Studieren in Europa, vom Schnee in den Bergen und von Lucy und Christon und John Kamau in Mowlem. Einer der Rastapiraten auf Lamu, Kamau Coconut Man, vierzig Jahre alt, kaputte Zähne und einen Joint im Mund, fragt mich: “Wie ist es so in Deutschland mit Ost und West, merkt man noch viel dass es mal eine Mauer gab?” Was? Er kann doch nicht mal schreiben, der Coconut Man. Wir reden über Weltpolitik und Krieg und Frieden, während er mir zeigt, wie man Knöpfe aus Kokosnussschalen fertigt.

Eine Stunde auf die Frühstücksmandazi zu warten, weil die Mandazibäckerin wegen des Regens in der Nacht noch kein Feuer machen konnte auf dem nassen Holz und nicht angefangen hat mit dem Backen, könnte unangenehm sein aus westlicher Sicht voller Hektik und Zeitnot. Aber sie läd mich ein, auf einer klapprigen Bank Platz zu nehmen, setzt mir ihr Baby auf den Schoß und fängt an, den Teig auszurollen und zu reden. Als sie fertig geredet hat, schneidet sie den Teig in Stücke und hört zu. Eine dreiviertel Stunde später beiße ich endlich in eine heiße, fettige Mandazi, es ist halb elf jetzt und ich merke wieder, wie hungrig ich bin; das beste Frühstück, das ich je hatte.

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Das Leben hier ist weit weg von Modediskussionen und all-you-can-eat-Buffets, neuesten Smartphones und schnellen Autos, von Abenden vor dem Fernseher oder Computer, von leeren Gesprächen mit uninteressierten Kommilitonen und von Vorlesungen, die so unendlich wenig mit dem Leben zu tun haben. Es ist umso näher an Beziehungen und Menschen, an gemeinsamer Zeit und Zeit-füreinander-nehmen, an aus-einem-Topf-essen und am Wolken beobachten.

Wir haben mit den Kindern in Mowlem gegessen, vier Kilo Reis, zwei Zwiebeln und fünf Tomaten für 56 Kinder und fünf Erwachsene; wir haben gemeinsam geklagt, als kein Wasser mehr aus dem Hahn an kam heißen Sonnentagen im November, und gemeinsam getanzt, als Ken die Matheaufgabe verstanden hat. Wir haben in ihrem Staub gespielt; ihr „Bad“ benutzt und ihre Sprache gelernt. Abends waren wir so siffig wie sie und so glücklich, wie es nur geht. Habe ich ihre Hand genommen, oder sie meine?

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„Have you got heart?
Have you got soul?
Have you got anything at all?
Do you know passion?
Do you know pain?
Have you got the courage to try again?
Are you in it for the money?
Are you in it for the love?
Do you know what you’re dreaming of?“ (Jose Vanders)

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