Jakobsweg, Spanien

Den alten Pilgerpfad nach Santiago de Compostela in Spanien zu wandern ist anstrengend. Es gibt albguerges, öffentliche Herberge, alle paar Kilometer, der Weg ist gut ausgeschildert. Wochenlang kann man den gelben Pfeilen oder Muschelzeichen folgend durch Spanien wandern. Klingt easy, oder? Aus sportlicher Sicht ist der Jakobsweg eher entspannt und wer auf Überlebenstraining im einsamen Wald steht, wird hier enttäuscht. Obwohl der Weg so gut gekennzeichnet ist und obwohl die Route über solch gute Infrastruktur verfügt, kann der Jakobsweg anstrengend sein. Du wirst andere Wanderer und Pilger treffen, und deshalb auch immer wieder dich selbst. Du wirst wochenlang in einem eigenartigen Camino-Universum leben, wo es Käsesandwiches, guten Wein und Blasen an den Füßen gibt.   er Jakobsweg ist eine komische, sehr soziale und ziemlich spirituelle Erfahrung. Warte ab, bis zu diesen Schnarcher nach drei Nächten schon wieder in deinem Schlafsaal entdeckst. Warte, bis zu deinen eigenen Landleuten zu entkommen versuchst, betend, du mögest nicht sein wie sie. Warte, bis du entdeckst, dass du wahrscheinlich sehr bist wie sie. Warte ab, bis du eine Camino-Bekanntschaft wieder verlierst auf dem Weg. Bis zu stunden-, tagelang durch die Peseta läufst und dich fragst: Warum gehe ich wirklich nach Santiago? Warte ab, bis du keine zufriedenstellende Antwort findest.

Wir waren zweimal auf dem Jakobsweg unterwegs, und wir haben es geliebt. Lies unseren kleinen Camino-Guide, der auf unseren eigenen Erfahrungen basiert.

Was und wo ist der „Camino de Santiago“?  Der Jakobsweg ist ein altes Netzwerk von Pilgerrouten nach Santiago de Compostela durch ganz Europa. Es gibt etliche Wege in ganz Europa, aber der bekannteste Weg (der „französische Weg“) geht von Saint-Jeans-Pied-de-Port in den französischen Pyrenäen durch Nordspanien.

What ist euere liebste Erinnerung an den Jakobsweg?
 Martin: In einem Dorf,  Carrion de los Condes, haben wir mit ein paar Wegbekanntschaften, jungen Wanderern aus der ganzen Welt, den Nachmittag verbracht. Wir haben im Fluss gebadet, der neben dem alten Kloster, unserer Unterkunft, floss. Ein unbeschwerter, fröhlicher Tag in guter und unkomplizierter Gesellschaft. Lena: Ich erinnere mich an den Moment, da wir nach Wochen des Wanderns das Meer erreichten. Ich verstand, dass ich Spanien zu Fuß durchquert hatte, zusammen mit Martin. Ich wurde mir plötzlich meiner eigenen Stärke, und der Stärke unserer Beziehung, bewusst. Ich habe eine perfekte Balance gespürt zwischen dem Glück des Augenblicks und den Wunsch, noch viel weiter gehen zu wollen.

Wie habt ihr es erlebt, den Jakobsweg als Paar zu gehen? Martin: Wenn man zu zweit unterwegs ist, kann man sich immer wieder gegenseitig motivieren und begeistern. Andererseits muss man sich auch anpassen und Kompromisse machen, ein gemeinsames Lauftempo finden. Lena: Natürlich haben wir ab und zu auch gestritten, aber wir haben einander in der ganzen Zeit nie genervt. Wir haben gelernt, dass wir als Team gut funktionieren. Ich fand es sehr erfrischend, außerhalb des Alltags konstant Zeit miteinander u verbringen, denn wir konnten aus den Rollen heraustreten, die wir normalerweise in der Beziehung einnehmen. Wir haben viel über uns selbst gelernt, und ich bin viel geduldiger geworden.

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Wie habt ihr eure Route geplant? Gar nicht. Wir waren auf der bekanntesten (und deshalb leider auch meist bewandertsten) Route unterwegs, alles ist ausgeschildert. Wir hatten keinen Wanderführer dabei, weil wir auf unser eigenes Tempo und unsere eigene Energie hören und uns nicht so sehr von den Erfahrungen fremder Leute leiten lassen wollten. Vielleicht haben wir dadurch einige Insidertipps verpasst, aber wir haben unsere eigenen perfekten orte entdeckt. Wir hatten allerdings ein Höhenprofil ausgedruckt, sodass wir unsere Kräfte besser einteilen konnten.

Wie lange wart ihr unterwegs? Von Saint Jean nach Muxia sind es fast 1000 Kilometer, wir sind im Schnitt 24 Kilometer pro Tag gelaufen und haben einige Ruhetage eingelegt. Insgesamt waren wir 7 Wochen unterwegs. 

Was ist so besonders am „Camino!? LenaDer Camino ist sagenumwoben und hat einen besonderen Flair. Leute aus aller Welt kommen aus den verschiedensten Gründen. Eine Besonderheit sind für mich vor allem die Leute, die hier unterwegs sind. Mit den anderen Wanderern und mit den Menschen entlang des Weges in Kontakt zu kommen hat die Reise einzigartig gemacht. Der Jakobsweg hat eine gewisse Mystik, einen schwer beschreibbaren Zauber, er scheint dir die richtigen Menschen im richtigen Augenblick zu schicken. Wir haben viele Freunde kennengelernt, wir haben sie unterwegs aus den Augen verloren und zufällig später wiedergetroffen. Da waren so viele inspirierende Menschen; zum Beispiel zwei Freunde aus Australien, beide über achtzig, die ihre großen Rucksäcke schleppten und den ganzen Weg liefen. Pedro, ein älterer Typ, der ständig unterwegs zu sein schien, hat gesagt: „Es ist doch total egal, wie viele Kilometer du machst. 20, 25, 500, … rase nicht. Es ist wichtige wie viele Freundschaften du schließt.“ Den Jakobsweg zu wandern, glaube ich, macht uns merkwürdig weise und erstaunlich friedlich.  Martin: Die gute Infratstruktur ermöglicht es, intuitiv und spontan zu sein. Man muss sich um nichts wirklich Sorgen machen. Es wird Essen und eine Herberge geben, und im Notfall kann man Hilfe bekommen. Neben Muskelkater und einigen Blasen braucht man sich wirklich um nichts zu sorgen, außer um sich selbst. Du kannst dich ganz auf den Weg und auf dich konzentrieren.

Wann wart ihr unterwegs? Im Juli 2011 begannen wir in Frankreich zu wandern, ursprünglich wollten wir in diesem Jahr bis nach Santiago. Aber Martin wurde krank und musste im Krankenhaus behandelt werden. Nach seiner Entlassung wurde klar, dass wir zu weit in unserem Terminplan zurück lagen. Schweren Herzens kehrten wir nach Hause zurück. 2013 ergab es sich endlich, dass wir zurückkehren konnten, und dieses Mal wanderten wir bis nach Santiago und weiter bis ans Meer. Wir waren immer im Sommer unterwegs (leichtes Gepäck, viel Sonne, lange Ferien), aber im Prinzip ist der Weg von Frühjahr bis Herbst und mit Einschränkungen auch im Winter begehbar.

Was habt ihr gegessen und getrunken? Da wir nur ein kleines Budget hatten, haben wir meistens selbst gekocht. Es gibt unterwegs genügens Supermärkte oder Tante-Emma-Läden, und die Herbergen verfügen über Gemeinschaftsküchen. Normalerweise gab es frisches Gemüse mit Pasta, unterwegs gab es Obst und Käsesandwiches. In den meisten Restaurants gibt es „Pilgermenüs“ für etwa 10 Euro, allerdings sahen sie für den Preis eher klein und auch nicht besonders appetitlich aus. Wir haben nur ein paar Mal auswärts gegessen, aber  „pimientos de Padrón“ (gebratene Paprika) und „tortillas de patata“ (Ei-und Kartoffelomlett) können wir doch empfehlen. In einigen Herbergen gibt es Frühstück und/ oder ein gemeinsames Abendessen. Manchmal haben wir uns auch zum Kochen mit anderen Wanderern zusammengeschlossen. Da der Jakobsweg durch einige bekannte Weinregionen führt, ist der Wein günstig und gut. Es gibt an einer Stelle sogar eine Weinquelle an einem Kloster, wo die Wanderer eingeladen werden, sich zu stärken. Das Kranwasser ist in der Regel trinkbar und von Bars, Restaurants, Herbergen oder Trinkbrunnen zu bekommen. In Santiago de Compostela haben wir schließlich eine Churreria gefunden und uns während unseres Aufenthaltes in der Stadt quasi nur von Churros mit Schokolade ernährt.

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Wo habt ihr übernachtet? Der credential del Peregrino, der Pilgerpass, erlaubt es Wanderern, in Herbergen am Weg zu übernachten (mit Stempeln wird die Route dokumentiert). Martin und ich haben meistens öffentliche oder kirchliche Herbergen genutzt, da sie am günsitgsten waren (ca. 3-8 Euro p.P., manchmal sogar umsonst.) Jede Herberge ist anders, aber normalerweise gibt es einen Schlafplatz im Etagenbett in einem Schlafsaal. Manchmal blieben wir auch in privaten Herbergen. Diese sind zwar etwas teurer (ca. 6-15 Euro p.P.) aber oft auch netter, da sich die Gastgeber, die hospitalieros, oft sehr mit dem Weg und den Pilgern verbunden fühlen und eine besondere Erfahrung ermöglichen wollen. In Hotels, die es vor allem in Städten auch gibt, haben wir nicht übernachtet. Sie sind teuer und es fehlt an der Camino-Atmosphäre, die wir so genossen haben.    

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Was hattet ihr dabei? Ohrstöpsel.Wenn es eine Sache gibt, die wir wirklich gebraucht haben, dann waren das Ohrstöpsel. Herbergen sind hervorragend, um mit anderen Leuten in Kontakt zu kommen, aber in einem Schlafsaal mit 2,3,4, … und manchmal auch 20 oder 50 anderen Wanderern will man irgendwann zur Ruhe kommen. Jeder von uns hatte einen mittelgroßen Wanderrucksack (ca. 30 l) und einen leichten Schlafsack, ein Reisehandtuch und Flipflops dabei. Wir hatten jeder zwei Paar Socken und Unterwäsche, zwei T-Shirts, eine Wanderhose, eine dünne Jogginghose/ Yogahose, ein leichtes Fleeceshirt, eine dünne Regenjacke, einen Regenponcho (den wir nicht gebraucht haben), Seife, Zahnbürste und Zahnpasta, eine Sonnenbrille, Sonnencreme, Wanderschuhe und ein Stirnband/ Buff.  Martin hatte sein Leatherman dabei und ich ein Tagebuch, einen Stift, eine kleine Digitalkamera und Kontaktlinsen. Ich hatte auch einen großen, dünnen Schal dabei, den ich als Picknickdecke oder als Bettvorhang verwenden konnte. Wir hatten ebenfalls ein Handy für den Notfall, ein kleines Erste-Hilfe-Täschen und eine Plastikdose für Lebensmittel dabei. Zusammen mit je 2 1-Liter-Wasserflaschen und den Vorräten für den Tag kamen wir auf etwa 11 kg pro Person.

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Was ist das Schlimmste, das Euch auf dem Jakobsweg passiert ist? Martin: Eine Nacht haben wir in einer voll belegten Herberge geschlafen mit vielleicht zwanzig anderen Wanderern im Schlafsaal. Ein Mann hat so laut geschnarcht, dass wir einfach nicht schlafen konnten. Da hatten wir noch keine Ohrsöpsel, und nachdem wir stundenlang wach gelegen hatten, sind wir mit unseren Schlafsäcken in die Kappelle im Erdgeschoss umgezogen. Selbst dort konnte man den Schnarcher durch die offenen Fenster hören. Lena: Als wir erschöpft nach einem langen Tag recht spät in einer Herberge ankamen, konnten wir unsere Kleidung zwar noch waschen, allerdings blieb nicht genug Zeit, dass sie in der Sonne trocknen konnte Wir ließen sie über Nacht auf der Leine. Am nächsten morgen fehlten Martins Wanderhose und mein T-Shirt.  Martin hat von da an seine Badehose getragen und ich einfach jeden Tag das gleiche Shirt. Ich weiß, dass das nur Klamotten sind, ärgerlich war es trotzdem. Einige Zeit später habe ich eins meiner Bustiers an eine Oma verschenkt, weil sie ihren BH am Morgen in der Herberge vergessen hatte. Mit weniger Dingen zu reisen, geht immer. Dass das Shirt und die Hose uns geklaut wurden, war trotzdem enttäuschend.

Was würdet Ihr beim nächsten Mal anders machen? Martin: Ich würde mir mehr Zeit nehmen, um mehr über die Geschichte der Orte unterwegs zu lesen. Es gibt so viele interessante Geschichten und Legenden über die Menschen und Orte, wie z.B. die Klöster, die Nonnen und Mönche, die Pilger selbst oder die Dörfer und Städte am Weg.  Lena: Ich würde wahrscheinlich eine weniger bewanderte Route wählen. Der französische Weg war gut für den Anfang, aber  falls ich nochmal auf den Camino gehen würde, würde ich vielleicht eher den Küstenpfad nehmen.